»Bürgerbeteiligungen an Erneuerbaren«

Ausbau der erneuerbaren Energien in Großstädten mittels Bürgerbeteiligungen: Welche Symbolik hat Photovoltaik im Gemeindebau und der Reihenhaussiedlung? Welche Herausforderungen kommen auf Anlagen- und Netzbetreiber zu?

Am 19. September veranstaltete der Report Verlag im Festsaal von Wien Energie Stromnetz eine Podiumsdiskussion zum Thema Bürgerkraftwerke. Vor knapp 100 Besuchern diskutierten Branchenexperten zu Hintergründen und Fragestellungen zu diesem jungen Beteiligungsmodell in der Stromerzeugung mittels Photovoltaik. Am Podium vertreten: Susanna Zapreva, Geschäftsführerin Wien Energie, Alexander Karner, Geschäftsführer Erneuerbare Energie Österreich, Marco Steiner, Wirtschaftskanzlei Eisenberger & Herzog Rechtsanwälte und Erwin Teufner, Technikvorstand Alcatel-Lucent. Die Veranstaltungspartner des Podiums waren Schrack Technik und Wien Energie. Chefredakteur Martin Szelgrad, Energie Report, moderierte.

Report:
Mit der Errichtung von BürgerInnen-Solarkraftwerken bindet Wien Energie aktiv die Bevölkerung in die Energiewende ein – nicht nur ideologisch, sondern auch finanziell. Was sind die Motivationen für ein Energieversorgungsunternehmen, Stromerzeugung in dieser Weise offen für Beteiligungen zu gestalten?
Susanna Zapreva: Wir leben in einer Zeit der Dezentralisierung und Demokratisierung der Erzeugung. Das Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger für Themen wie Klimawandel und Ressourcenknappheit ist stark gestiegen. Für uns als kundenstärkstes Energieunternehmen Österreichs ist daher klar, auf die Bedürfnisse und Nachfrage unserer Kunden einzugehen. Nun wird die Energiewende zwar plakativ mit der eigenen Solaranlage am Hausdach gezeichnet, doch gerade in einer Stadt wohnen viele in Mietwohnungen. Die Bewohner können sich keine Photovoltaikanlage einfach aufs Dach stellen. Mit den BürgerInnen-Solarkraftwerken bieten wir die Möglichkeit, sich trotzdem direkt an einer PV-Anlage zu beteiligen. Das Projekt wurde im März gestartet, eigentlich als Versuch, überhaupt die Nachfrage zu testen. Das Modell wurde dann aber so gut angenommen, dass wir heuer bereits vier Anlagen mit einer Leistung von insgesamt 2 MW bauen. Wie funktioniert es? Die Bürger investieren über eine Miete für einen festgesetzten Zeitraum in die Paneele und finanzieren sie damit. Wien Energie errichtet und betreibt die PV-Anlage in dieser Laufzeit und entlohnt seine Investoren mit einer jährlichen Vergütung von 3,1 Prozent der eingesetzten Investition.

Report: Wird es im kommenden Jahr weitere Anlagen geben?   
Susanna Zapreva: Wir werden das Bürgerbeteiligungsmodell auf jeden Fall auch 2013 fortsetzen. Die vielen Voranmeldungen zeigen uns, dass eine große Nachfrage herrscht. Auch überlegen wir, vielleicht ein ähnliches Angebot auch für Solarthermie in Wien zu starten. Wenn die Menschen Teil der Energiewende sein wollen, so sollten wir das ermöglichen.  

Report: Anlagen für alternative Energieerzeugung in urbanen Bereichen – dies sieht nach einem gelungenen Rühren der Werbetrommel für die angesagte Energiewende aus. Doch die direkte Einbindung von Anrainern und Bürgern gibt es in der Stromerzeugung schon länger. Wie sind Ihre Erwartungen dazu?
Alexander Karner: Es gibt Sparten im Verband Erneuerbare Energie Österreich, etwa die Windkraft, die Beteiligungsmodelle seit Jahren erfolgreich anbieten. Eines der größeren Unternehmen ist Windkraft Simonsfeld, die eine Partizipation über den Kauf von Aktien ermöglicht. Zusätzlich konnte man sich zuletzt auch über ein Anleiheportfolio mit einem fixen Zinssatz von 5 % auf fünf Jahre beteiligen. Freilich ist das in Wien beschriebene Bürgerkraftwerk kein echtes Beteiligungsmodell: Der Anlagenbetreiber borgt sich vielmehr Geld mit einem fixen Zinssatz. Die Frage bei dem Projekt in Wien ist sicherlich, ob ein großes Unternehmen wie Wien Energie dieses Marketingprodukt, das es anfangs sicherlich ist, zu etwas wirtschaftlich Dauerhaften gestalten kann. Wir sehen deshalb den Ansatz sehr positiv, Beteiligungen auch bei Solarthermie und Wärmeproduktion zu überlegen. Fälschlicherweise wird ja oft der Strommarkt als der größte Bereich der heimischen Energiewirtschaft gesehen. Dabei wird weit mehr in der Wärme- und Kälteerzeugung umgesetzt. Hier eine nachhaltige Erzeugung zu schaffen – dafür gibt es gerade im urbanen Bereich extremen Aufholbedarf.

Report: Sie haben Wien Energie bei dem Beteiligungsmodell der Bürgerkraftwerke rechtlich beraten. Welche Herausforderungen kommen hier auf Anlagenbetreiber zu? Was gilt es zu beachten? Ist der Rechtsrahmen für diesen Bereich eindeutig und klar formuliert?
Marco Steiner: Das Bürgerbeteiligungsmodell ist gerade aufgrund der Initiative in Wien auch in anderen Regionen im Gespräch. Wir sehen dazu aber einige regulatorische Fallstricke, in die man tappen kann. Aktuell gibt es auch ein Verfahren bei der Finanzmarktaufsicht, welche das Einsammeln von Kundengeldern für Investitionen relativ klar als Bankengeschäft betrachtet. Gleicht ein solches Projekt oder Produkt einem Einlagengeschäft, ist nach österreichischem Recht eine Bankenkonzession erforderlich. Es sind auch einige Verfahren gegen Gemeinden bekannt, die davon völlig überrascht worden waren. Die Intention, in erneuerbare Energien zu investieren, ist ja an sich gut. Dennoch wurden in diesen Fällen Verwaltungsstrafverfahren über die Initiatoren eröffnet. Im schlimmsten Fall kann dies dann sogar die geschäftsführenden Organe betreffen.
Eine legale Möglichkeit nun, ist es so anzugehen, wie es bei Wien Energie unternommen wurde. Kunden wird etwas Konkretes wie ein Paneel verkauft, der unternehmerische Gegenwert mit dem Kaufpreis entgegengenommen. Der Anlagenbetreiber mietet dann diese verkauften Teile über die festgesetzte Laufzeit zurück. Am Ende der Laufzeit werden die Paneele von Wien Energie wieder zurückgekauft. Das mag vielleicht etwas formalistisch wirken, wird aber in dieser Form vom Regulator akzeptiert.
Ein anderes Finanzierungsmodell wäre die echte Beteiligung in Form von Aktien oder Anleihen, die ausgeben werden. Der Anlagenbetreiber macht dazu ein öffentliches Angebot und erstellt ein Wertpapierprospekt in einer festgelegten Größenordnung. Auch hier sollte man aufpassen: Wenn letzteres unterbleibt, kann es möglicherweise ebenfalls zu strafrechtlichen Sanktionen kommen.
Zwischen diesen beiden regulatorischen Eckpunkten bewegen sich die verschiedenen tauglichen Modelle, die wir am Markt kennen. Dies hat sich auch schon relativ gut durchgesprochen. Das Thema der Bürgerbeteiligungen war in dieser Form allerdings auch für den Regulator neu. Die Beteiligungen werden durchaus begrüßt und positiv gesehen, dennoch möchte die Finanzmarktaufsicht möglichen unseriösen Angeboten nicht Tür und Tor öffnen. Man will nicht eine Situation schaffen, aus der es irgendwann möglicherweise kein Zurück gibt.
 
Report: Welches Modell ist nun eher für Betreiber geeignet?
Marco Steiner: Ob nun auf das eine oder das andere Modell gesetzt werden sollte, ist eine reine Richtungsfrage. Biete ich eine Verzinsung im Sinne eines Einlagengeschäfts oder eher eine echte Unternehmensbeteiligung mit einer prozentualen Ausschüttung des Erlöses? Ich kann jedenfalls nur empfehlen, hierbei jegliche Eitelkeiten zurückzustecken und von Anfang an die Experten der Finanzmarktaufsicht mit einzubeziehen. Ein offener, direkter Informationsaustausch ist eine gute Basis, damit ein Modell nicht finanziell, juristisch und marketingtechnisch zum Desaster werden kann.

Report: Herr Teufner, eines der Zukunftsszenarien für eine Energiewende in unserer Gesellschaft sind kleinteiligere Erzeugungsstrukturen in den Energienetzen. Wie kompliziert wird es dadurch für kommunale Energieversorger? Können Sie sich Photovoltaikanlagen an jedem Hausdach Wiens vorstellen?
Erwin Teufner: Um ihre letzte Frage zuerst zu beantworten: Eine Voraussetzung dazu ist sicherlich die richtige Mischung aus politischem Willen, der breiten positiv gestimmten öffentlichen Meinung und natürlich auch marktwirtschaftlichen Gegebenheiten, die sich letztlich auf die Rentabilität der Anlagen auswirken. Grundsätzlich ist in der Technik nichts unmöglich. Die Informationstechnik kann gerade im Umbau der Netze und bei den künftigen Herausforderungen einer dezentralen Energieerzeugung die richtigen Hebel beisteuern. Gerade im Lastenausgleich stehen wir heute vor eher komplexen Steuerungs- und Optimierungsaufgaben bereits auch in den Niederspannungsnetzen. Hier ist die Telekommunikation wichtig und es gilt weiterhin, in Forschungs- und Testprojekten noch mehr Erfahrungen zu sammeln. Derzeit ist der Anteil der Erneuerbaren am Strommix noch relativ gering. Ein Lastenausgleich über ein übergeordnetes Netz ist damit stets möglich. Wir dürfen dabei keinesfalls vergessen, dass Strom eines unserer wichtigsten Güter ist. Mit Strom werden die elementarsten Bedürfnisse gestillt. Daher sind die Anforderungen an die Verfügbarkeit und Sicherheit der Netze besonders hoch. Hier gilt es also, mit einer entsprechenden Sorgfalt in Planungen hineinzugehen und genügend Erfahrungswerte zu sammeln. Jedes Netz hat seine Eigenheiten. Die Strominfrastruktur in Wien sieht anders als in Kärnten aus.

Report: Die Stadt der Zukunft wird Smart City genannt, in der an jeder Ecke IT und Energie aus Böden und Gebäuden sprießen. Was werden die Erfolgfaktoren dafür sein?
Erwin Teufner: Ideen dazu haben wir viele und neue Stadtteile wie Aspern bieten eine historische Chance auf der grünen Wiese mit neuen Technologien und Konzepten loszulegen. All die Komponenten einer Smart City sind da optimal miteinander verknüpfbar. Die größere Herausforderung wird aber weniger die Technik dahinter, sondern die Nutzerfreundlichkeit, die Usability, bringen. Entscheidend ist, welche Kompromisse die Stadtbewohner bereit sind, einzugehen, und welche neuen Dienste und Produkte auch im Alltag angenommen werden. Das Rezept: All die technischen Dinge müssen den Menschen nützen.

Report: Frau Zapreva, sind denn nun Initiativen wie ein Bürgerkraftwerk vornehmlich ein Marketinginstrument oder tatsächlich ein ausbaufähiges Finanzierungsmodell? Liegt die Wahrheit vielleicht dazwischen?
Susanna Zapreva: Gerade im Hinblick auf die Smart City sind Beteiligungsmodelle eine der vielen Komponenten der Stadt der Zukunft. Smart City bedeutet Smart Living, Smart Economy, Smart Government und vieles mehr – vor allem aber bedeutet es Smart People, denn die Menschen sind ein Bestandteil der Stadt. Das Projekt kommt aus Marketingsicht gut an, ist aber auch wirtschaftlich für Wien Energie ebenso wie für die Kunden darstellbar. Wenn wir dazu noch die Wirkungsgrade in der Photovoltaik betrachten, die sich ja laufend verbessern, stehen wir noch lange nicht am Ende einer Entwicklung. Ich denke da an meine Studienzeit zurück. Damals waren jene Wirkungsgrade, mit denen wir heute arbeiten, noch Weltraumtechnologie. Bei einem so großen, technologischen Potenzial wird künftig auch wirtschaftlich noch viel mehr getan werden.
Uns geht es auch um eine Vorreiterrolle im Marktwandel von der zentralen Stromerzeugung hin zur dezentralen, verteilten Erzeugung. Diese Veränderungen bilden für die Erzeugung und die Verteilung von Energie eine große Herausforderung. Im Wiener Stadtteil Aspern werden wir versuchen, einen kompletten Häuserblock mit Photovoltaik, Solarthermie, Wärmepumpen und unterschiedlichen Speichermöglichkeiten für Energie dezentral zu versorgen. In der Seestadt Aspern soll die Smart City im Kleinen auf ihr technisches Funktionieren, aber auch auf die Akzeptanz der Bewohner geprüft werden. Auch Mobilitätskonzepte und die Anbindung an das Netz der Zukunft, das Smart Grid, sind dabei Schwerpunkte.
Für die Stadt Wien ist Aspern eine gute Möglichkeit, unsere Vorstellungen von der Stadt der Zukunft ins Reale umzusetzen. Sie werden in einem begrenzten Bereich auf ihre Tauglichkeit getestet.

Report: Wie viel wird dazu in Wien investiert werden müssen?
Susanna Zapreva: Wir fangen zunächst im Kleinen an. Es geht es aber nicht nur um Investitionen, sondern auch um die Entwicklung von neuen Produkten und Technologien und die Kommunikation mit den Kunden. Nach Abschluss des Testzeitraums von zwei bis drei Jahren werden wir dann mehr wissen. Dann lassen sich weitere Schritte und Investitionen herausrechnen.

Report: Wird die Stadt von morgen energieautonom funktionieren können? Ist dies überhaupt eine sinnvolle Diskussion, wenn man die überregional vernetzten Strukturen in der Strominfrastruktur betrachtet?
Susanna Zapreva: Ich persönlich halte von Autonomie im Sinne einer Selbstbestimmung sehr viel. Von Autarkie, in der man sich von seiner Umwelt abkapselt und sämtliche Probleme auf eigene Faust lösen will, – davon halte ich nichts.
Energieautarkie ist vielleicht ein Modewort, hat aber in der Realität der Stromnetze nichts verloren. Möglich ist ein solches Modell vielleicht bei lokalen Nahwärmenetzen. Bei Stromnetzen ist es viel wichtiger, miteinander die Potenziale der Energiegewinnung auszuschöpfen. Mit gefällt dazu sehr folgendes Bild: Photovoltaik und Geothermie im Herzen Wiens, Wind- und Wasserkraft in den Adern Europas.

Report: Wie steht Wien in der Energiewende im Vergleich zu anderen Regionen in Österreich da? Welches Bundesland hat die Nase vorne?
Alexander Karner: Wenn man die Energiewende betrachtet, die bislang stattgefunden hat, wurde diese eher von kleineren Unternehmen, der Regionalwirtschaft, unternommen. Die weitaus größeren Herausforderungen entstehen freilich in den Ballungszentren. Der Wandel von der zentralen Erzeugung zur dezentralen ist aber kein Kampf der Großen gegen die Kleinen. So ist im Verband Erneuerbare Energie Österreich auch Oesterreichs Energie, Sprachrohr der großen Energieversorgungsunternehmen, vertreten. Den Weg der Energiewende werden wir nur partnerschaftlich gehen können – regions- und themenübergreifend. Für die Veränderungen, aus denen die Konsumenten von früher plötzlich zu Produzenten werden, sind nun große Investitionen in Anlagen und Infrastruktur nötig. Vor allem aber sind gemeinsame Lösungen aller Betreiber gefragt.

Last modified onMontag, 08 April 2013 17:41
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