Claim Management – Streit am Bau

Claim Management – Streit am Bau iStock

Claim Management ist Teil der heimischen Baukultur. Der Bau & Immobilien Report hat Auftraggeber und Auftragnehmer befragt, was die Hauptgründe dafür sind und wie das Gegenüber bei der Abhandlung von Nachforderungen wahrgenommen wird. Außerdem: Die unterschiedlichen Ansichten zu Generalunternehmertum und Vergaberecht in Hinblick auf die Bauqualität.

In den Sommermonaten 2017 hat der Bau & Immobilien Report eine groß angelegte Umfrage unter den größten Auftraggebern und Auftragnehmern des Landes durchgeführt, um herauszufinden, warum das Verhältnis der beiden Parteien bei Bauprojekten – vorsichtig formuliert – nicht immer ganz friktionsfrei ist. Die Ergebnisse zeigten durchaus Gemeinsamkeiten, brachten aber auch große Differenzen ans Tageslicht. Während »Vertragstreue«, »Handschlagqualität« oder ein »gutes Gesprächsklima« für beide Seiten wichtige Kriterien für eine gute Zusammenarbeit sind, geht die Beurteilung der Qualität der tatsächlichen Zusammenarbeit weit auseinander. Auftraggeber bewerten die Zusammenarbeit zu weiten Teilen als »lösungsorientiert« (86,7 %), »partnerschaftlich« und »professionell« (je 66,6 %). Die Auftragnehmer erleben ihren Arbeitsalltag hingegen völlig anders. Für jeden Zweiten ist die Zusammenarbeit mit den Auftraggebern von »Misstrauen« geprägt, für 38,9 % ist sie »problemorientiert«. Nur ein Drittel der Auftragnehmer empfindet das Miteinander als »professionell«, für 22,2 % aber ist sie »unprofessionell« und für 16,6 % von »Egoismus« dominiert.

Den Sommer 2018 hat der Bau & Immobilien Report genutzt, um sich gemeinsam mit der Rechtsanwaltskanzlei ScherbaumSeebacher einerseits genauer anzusehen, welche Erfahrungen Auftraggeber und Auftragnehmer bei der Abhandlung von Nachforderungen machen und andererseits, wie die Auswirkungen von Generalunternehmertum, Subunternehmerketten sowie Best- und Billigstbieterprinzip eingeschätzt werden. Wieder wurde eine Parallelstudie durchgeführt und die wichtigsten Auftraggeber und Auftragnehmer des Landes nach ihren einschlägigen Erfahrungen gefragt. 

Part of the Game

»Claim Management hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen«, weiß Patrick Panholzer, Partner und Baurechtsexperte bei ScherbaumSeebacher. Dass laut Umfrage 93,5 % der Auftragnehmer angeben, dass es »sehr oft« oder »oft« zu Nachforderungen kommt, legt für Panholzer den Schluss nahe, dass Claim Management systemimmanent und Teil der heimischen Baukultur ist. Die baubegleitende Planung führe dazu, dass zu Projektbeginn ein Preis ausgerufen wird, ohne dass der Auftragnehmer exakt weiß, was auf ihn zukomme. Neue Methoden wie BIM könnten das in Zukunft zwar teilweise ändern, sind aber laut Panholzer nicht auf jedes Projekt anwendbar. »Wie soll man einen Fixpreis für die Sanierung eines 100 Jahre alten Gebäudes wie dem Wiener Parlament abgeben, ohne zu wissen, worauf man im Detail stoßen wird?«

Große Unterschiede gibt es in der Wahrnehmung des jeweiligen Gegenübers bei der Abhandlung von Nachforderungen (siehe Tabelle 1). Die Auftraggeber zeigen sich dabei durch die Bank generöser. Sie attestieren den Auftragnehmern nicht nur eine höhere Gesprächsbereitschaft (71,4 % zu 54,8 %) sondern auch deutlich mehr Professionalität (66,6 % zu 29,0 %). Die Auftragnehmer fühlen sich hingegen deutlich unverstandener (45,2 % zu
23,8 %).

Für Panholzer kommt diese vermeintliche Großzügigkeit der Auftraggeber nicht überraschend. »Der Auftraggeber hat zu diesem Zeitpunkt schon die Leistung und auch noch das Geld. Der Auftragnehmer seinerseits hat die Leistung erbracht und vorfinanziert und befindet sich damit natürlich in einer Drucksituation.« Als problematisch erachtet Panholzer, dass es etwa im Hochbau trotz standardisierter Leistungsbeschreibungen mit 10.000 Positionen kein Projekt gäbe, das nicht über eine Fülle an frei formulierbaren Z-Positionen verfüge. »Das erschwert die Vorhersehbarkeit und damit die Preisstabilität.«  Das bestätigen auch die Auftraggeber und reagieren entsprechend. »Wenn zusätzliche Positionen regelmäßig vorkommen, dann ändern wir auch unsere Grundlagen. Das Standard-Leistungsverzeichnis muss laufend evaluiert werden«, erklärt Franz Bauer, Vorstand ÖBB Infrastruktur. Ganz ähnlich äußert sich Asfinag-Geschäftsführer Andreas Fromm. »Wir versuchen Z-Positionen weitgehend zu vermeiden. Standardisierungen sind wichtig, um Angebote vergleichen zu können.«

Wer ist schuld?

Befragt nach den Hauptgründen für eine nicht vertragskonforme Projektübergabe dominieren die gegenseitigen Schuldzuweisungen (siehe Tabelle 2). Auftragnehmer nennen mit 87,1 % (Mehrfachnennungen möglich) eine schlechte Planung des Auftraggebers als Hauptursache, die Auftraggeber wiederum mit 66,6 % ­eine schlechte Ausführung durch den Auftragnehmer. Allerdings ist festzuhalten, dass seitens der Auftraggeber durchaus auch selbstkritische Töne zu hören sind. Fast jeder zweite nennt die eigene schlechte Planung als Hauptgrund. Einig sind sich beide Seiten, dass auch der hohe Zeitdruck eine wesentliche Rolle für nicht vertragskonforme Projektübergaben spielt und dass schlechte Planung und das oftmals zu enge Zeitkorsett dazu führen, dass zeitliche Vorgaben nicht eingehalten werden (siehe Tabelle 3).

Wünsch dir was

Befragt nach den Wünschen an die Gegenseite bei der Abhandlung von Nachforderungen und Baumängel dominieren Schlagworte wie »Verständnis«, »Professionalität« oder einfach »Fair Play«. Dass nicht immer alles so abläuft, wie es vielleicht sollte, weiß auch Franz Bauer. »Wir geben die Rahmenbedingungen vor. Da ist der Zeitdruck oft hoch und damit auch durchaus nachvollziehbar, wenn die Auftragnehmer nicht alles im Detail durchkalkulieren können.« Für die Zukunft erhofft sich Bauer ein partnerschaftlicheres und offeneres Miteinander. »Wenn Schwierigkeiten auftauchen, sollten diese frühzeitig kommuniziert werden. Denn je länger man zuwartet, desto größer werden die Probleme.«

Frage der Qualität

Zusätzlich zum Thema Claim Management hat der Bau & Immobilien Report die Auftraggeber und Auftragnehmer auch nach ihren Einschätzungen zu Generalunternehmertum, Subunternehmerketten sowie Best- und Billigstbieterprinzip befragt und interessante Ergebnisse erhalten.

Während etwa 61,3 % der Auftragnehmer der Meinung sind, dass die Vergabe eines Bauprojekts an einen Generalunternehmer die Bauqualität verbessert, teilen diese Einschätzung nur 14,3 % der Auftraggeber (siehe Tabelle 5). Immerhin 38,1 % der Auftraggeber gehen sogar davon aus, dass ein Generalunternehmer die Qualität verschlechtere. Weitgehend einig ist man sich hingegen darüber, dass mit der Zahl der Subunternehmen die Bauqualität sinkt (siehe Tabelle 6).

Vom viel diskutierten Bestbieterprinzip scheinen vor allem die Auftraggeber wenig zu halten (siehe Tabelle 8). 61,9 % erwarten sich überhaupt keine Auswirkungen, zumindest ein Drittel hofft auf eine bessere Bauqualität, Deutlich optimistischer gehen hier die Auftragnehmer zu Werke, die zu 64,5 % mit einer höheren Bauqualität rechnen, wenn ein Projekt nach Bestbieterkriterien vergeben wird. Entsprechend glauben auch 78,1 % der Auftragnehmer, dass sich das bislang vorherrschende Billigtsbieterprinzip negativ auf die Qualität ausgewirkt hat (siehe Tabelle 7).

 

Last modified onMittwoch, 31 Oktober 2018 12:20
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