Urbanes Fort Knox

Foto: Gebäude und Infrastruktur sind die Bergwerke von morgen. Foto: Gebäude und Infrastruktur sind die Bergwerke von morgen.

Kreislaufwirtschaft ist eine Voraussetzung, um bei begrenzten Ressourcen zukunftsfähig zu wirtschaften. Eine zentrale Rolle dabei spielen die Städte.

ie Welt verstädtert und der aufwendige Lebensstil erfordert gleichzeitig immer mehr Rohstoffe. Natürliche Rohstoffe sind jedoch begrenzt. Der naheliegende Ausweg: die Stadt mit Gebäuden, Infrastruktur und Fahrzeugen als neues Minengebiet nutzen. Recycling wird aber immer komplexer und komplizierter, Zahl und Umfang der für die Abfallwirtschaft relevanten, gesetzlichen Vorschriften nehmen laufend zu. Der Kodex des Umweltrechts war laut Roman Rusy von der Gesellschaft für Ökologie und Abfallwirtschaft 1994 3,4 cm dick, 2004 waren es 4,4 cm, 2016 bereits 5,4 cm. Thomas Hansmann, niederösterreichischer Umweltanwalt: »Immer kompliziertere Anforderungen im Recycling bedeuten wenig Anreiz zu investieren.« Forschung und Investition braucht es aber, denn mit modernen Bauweisen entstehen neue Herausforderungen.

Wenig Anreiz

Weder in der Zulassung von Baustoffen noch in der Planung eines Bauwerks ist derzeit ein Rück- bzw. Abbaukonzept verpflichtend. Baustoffe sind oft schwer oder nicht voneinander trennbar, weshalb viele Bau- und Abbruchabfälle in Österreich nicht als hochwertige Recyclingbaustoffe wiederverwertet werden können. Sie werden zudem kaum nachgefragt, da neues Material leicht und günstig verfügbar ist und es nach wie vor rechtliche Unsicherheiten gibt.

Bild oben: Die Mineralwolle-Pads im Porotherm W.i von Wienerberger werden bewusst nicht mit dem Ziegelscherben verklebt, sondern über Klemmwirkung im Ziegel gehalten.

Thomas Hansmann: »Ich verstehe Wirtschaftsverantwortliche, wenn sie sich für eines Primärrohstoff mit anschließender Deponierung statt einen recycelten Baustoff entscheiden.« Für Recyclinganlagen besteht ein wirtschaftlicher Radius von 30 km, weiter zu fahren ist für Unternehmen unwirtschaftlich. Der Österreichische Baustoff-Recycling Verband, BRV, fordert ebenso wie die Porr eine Verpflichtung zu Recyclingbaustoffen in öffentlichen Ausschreibungen, z.B. fünf bis zehn Prozent. In Zürich oder auch in den Niederlanden werde das bereits erfolgreich gehandhabt. Ein weiterer Ansatz wäre das Bonussystem, das Bauunternehmen für ökologisch wertvolles Handeln belohnt. Wohnbauförderung kann Recycling-Baustoffe ebenso fördern. Neue Vorgaben in Gebäudebewertungssystemen sind ein Ausweg für das IBO, das Institut für Bauen und Ökologie. »Mit den üblichen Material- und Baustoffkriterien können Recycling-Baustoffe ihre Vorteile nicht ausspielen. Es braucht spezielle Ökokennzahlen, z.B. die Umweltkategorie Landverbrauch«, so Astrid Scharnhorst.

Sichtweise

 

Je nach Auslegung sind die mit der EU-Abfallrahmenrichtlinie vorgegebenen 70 Prozent Recycling schon erreicht. Der BRV spricht bereits von 80 Prozent. Allerdings konzentrieren sich die Maßnahmen im Baubereich auf Bodenaushub und Baurestmassen, fokussiert auf Betonabbruch. Andere Baustoffgruppen sind kaum einbezogen. Für die NÖ -Umweltanwaltschaft stellt sich die Frage: Wenn so hohe Recyclingquoten erreicht werden, wieso werden so hohe Deponievolumina beantragt? Thomas Hansmann: »Es darf nicht sein, dass Baurestmassen aufgrund unzulänglicher Regelungen nur bzw. überwiegend deponiert werden.«

 

Bild oben: Das Rekalzinierungsverfahren von Knauf AMF Deckensysteme wurde mit dem Abfallwirtschaftspreis Phönix 2018 ausgezeichnet. Es basiert darauf, den Holzanteil der Holzwolle-Leichtbauplatten mittels optimierter Parameter thermisch zu behandeln, wobei der Holzanteil vollständig und energieautark ausbrennt und der im Rückstand verbleibende kaustisch gebrannte Magnesit wieder als Bindemittel in den Herstellprozess rückgeführt wird.

Die Deponiehügel-Vorhaben im Marchfeld und in Markgrafneusiedl zeigen bereits, wohin die Reise gehen könnte. Mit Ende Mai starten UVP-Verfahren hinsichtlich Deponiehöhe, die nicht geregelt ist. Martin Car, BRV-Geschäftsführer, verweist auf den neuen Bundesabfallwirtschaftsplan, wonach felsige oder kiesige Aushübe zu Recyclingbaustoffen umgeformt werden können. Vorteilhaft sind dafür mobile Anlagen.

Auf gutem Weg

Positiv hervorzuheben sind Eigeninitiativen der Hersteller. Wopfinger etwa bietet Ökobeton an, bei dem Gesteinskörnungen aus Baurestmassen beigemengt sind. Rigips setzt auf Ri-Cycling. Dabei werden Gipskartonplatten maschinell zerkleinert, zermahlen und getrennt, mit Rohgips vermischt, erhitzt und für die Produktion neuer Gipskartonplatten verwendet. Bei der Porr waren zuletzt Kontaminationen mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen, Schwermetalle und Gasbildungspotenzial Thema. »Wir haben Abbruchmethoden und -verfahren verbessert und weiterentwickelt, z.B. die zusätzliche Abtrennung von PAK aus kontaminierten Böden in unserer Bodenwaschanlage mittels Flotation oder die Optimierung in der Wahl und Kombination von unterschiedlichen Zerkleinerungs- und Sortiermethoden in der Herstellung von Recycling-Baustoffen«, berichtet Thomas Kasper, Abteilungsleiter der Porr Umwelttechnik.

Bild oben: »Vor fünf Jahren waren alle Recyclingbaustoffe bis zur Übergabe als Abfall definiert. Heute befinden sich bereits drei Viertel aller Recyclingbaustoffe im Produktbegriff«, sagt Martin Car vom Baustoff-Recycling Verband. 

Das IBO nennt als weitere Positivbeispiele das BauKarussell, Ökokauf Wien und das Projekt Nachhaltig:Bauen, das den Einsatz von Recyclingrohstoffen in Beton fordert. Bei seinem Hightech-Ziegel Porotherm W.i, der Dämmung bereits integriert, setzt Wienerberger auf Mineralwolle-Pads, die nur über Klemmwirkung im Ziegel gehalten werden. Wenn Baustoffe allerdings nicht zerlegbar und Materialien nicht trennbar sind, wird es teuer und energieintensiv. Es braucht daher ein neues Design der Objekte. Im EU-Kreislaufwirtschaftspaket nimmt das Bauwesen laut Kasper einen wesentlichen Punkt ein. BIM ist ein weiterer Lösungsweg. Astrid Scharnhorst berichtet vom 6D BIM Terminal, an dem das IBO mit ACR Instituten forscht. Daten, die über geometrische und plandarstellerische Informationen hinausgehen und für die Betrachtung von Kosten, Terminen und Nachhaltigkeitsaspekten notwendig sind, sollen bei BIM-Elementen automatisiert ergänzt und in die jeweilige Fachplanungs-Software eingelesen werden können. Brigitte Kranner, Geschäftsführerin von Altmetalle Kranner, verweist auf Urban Mining. Die TU Wien forscht an Ressourcenkataster, Rohstoffkarten und dem Gebäudepass, einer elektronischen DNA von Gebäuden.

Selbstläufer

Vor allem metallisches Material ist gefragt. »Bereits als Kupfer entdeckt wurde, hat der bronzezeitliche Mensch seine kaputten Kupferkessel eingeschmolzen. Damit hatte er weniger Aufwand, als neues Erz zu schürfen«, sagt Brigitte Kranner. Heute befinden sich auf 100 m² Wohnfläche Metalle von sieben PKW, das muss genutzt werden.

»80 Prozent des jemals produzierten Stahls sind heute noch in Umlauf«, betont Kranner und verweist auf das Linz-Donawitz-Verfahren der Voest, das nach 50 Prozent Schrotten verlangt. Dächer, Leitungen, Rohre bestehen aus Kupfer, Blech, Eisen, Zink, Blei – die Zusammensetzung des Schrotts variiert. Im Recyclingprozess braucht es damit eine Feinkornaufbereitung der Metalle. Gefördert werden muss Recycling von Altmetallen laut Kranner nicht. »Das regelt sich von selbst. Metalle haben einen hohen Wert.«

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