Gebäudehülle im Wandel

Foto: Mittlerweile bestehen ganze Fronten aus Glas. Das Fensterelement muss die Statik übernehmen und erfordert starke Gläser, die die Lasten abtragen. Foto: Mittlerweile bestehen ganze Fronten aus Glas. Das Fensterelement muss die Statik übernehmen und erfordert starke Gläser, die die Lasten abtragen.

Fenster und Fassade verschmelzen immer mehr. Der Raum öffnet sich, der Trend zu großvolumigen Fenstern nimmt zu, Vollglasflächen werden zur Fassade. Struktur und Energie prägen den Fassadenbereich.

Die Gewerke Fassade und Fenster sind eng miteinander verbunden und müssen daher sowohl im Neubau als auch bei der Sanierung gut ineinander greifen. In Österreich erfolgt die Koordination über den jüngst gegründeten Verein Plattform Fenster Österreich. »Produktentwicklung und Positionierung am Markt betreibt natürlich jedes Unternehmen für sich allein«, betont Ingo Ganzberger, Mitglied der Geschäftsleitung bei Actual. Trotz des gerade in Österreich besonders intensiven Wettbewerbs gibt es aber Bereiche, bei denen eine Zusammenarbeit sinnvoll ist, so z.B. die Aus – und Weiterbildung, die Erstellung von Qualitäts- bzw. Anwendungsrichtlinien, die Normung oder auch die Realisierung von übergeordneten Projekten, zur Abstimmung mit anderen Gewerken, bei denen mit diesen gemeinsam eine Umsetzung erfolgt, wie z.B. Fassadentechnik, Wandaufbau und Fenstereinbau. Neben den bestehenden Richtlinien sind derzeit weitere in Vorbereitung, die laut Plattform in Kürze vorliegen.  »Bis Oktober werden alle fertiggestellt sein«, kündigt Koordinator Dieter Lechner an.

Fenster von heute

Die moderne Architektur setzt auf sichere, großflächige Fenster für helle, lichtdurchflutete Räume, auf XL-Verglasungen und auf große Hebeschiebe-Türen. Bei alter Fenstertechnik war man gezwungen, die Öffnungen klein zu halten, um Wärmeverluste zu vermeiden. Heute sind moderne Fenster Hochleistungsbauteile sogar Elemente in der Fassade, die mehr Energie gewinnen als verlieren. Um diese Architektur gut realisieren zu können, braucht es hochwertige Rahmen, Dichtungskonstruktionen und Glastechnologie. Die Zeiten, in denen Fenster und Glas aus energetischer Sicht Schwachstellen eines Hauses bildeten, sind vorbei.

Bild oben: Durch die natürliche Unregelmäßigkeit in der Optik der Glasfaserbetonfassade vintage von Rieder gleicht keine Platte der anderen. 

»Moderne Fenstersysteme präsentieren sich als Energielieferanten, die in der Energiebilanz, über das ganze Jahr gesehen, besser abschneiden als hochwärmegedämmte Außenwände«, betont Thomas Vondrak, Geschäftsführer bei Internorm, verantwortlich für Produktion und Entwicklung. Ein Novum von Internorm: KF 310, verfügbar als Kunststoff- und Kunststoff/Aluminiumfenster mit 6-Kammer-Profil und einem U-Wert von 0,76 W/m2K. Stabilität schafft die I-tec Verglasung, also die lückenlose Rundumverklebung der Glasscheibe mit dem Fensterflügel. Stärkere Schließteile bieten einen noch besseren Einbruchschutz.

Die Herausforderung an die Fensterbranche besteht für Ganzberger darin, trotz der großen Glasflächen eine positive Energiebilanz der Gebäudehülle zu erhalten. Die immer dichter werdende Gebäudehülle erfordert Intelligenz beim Lüften und Heizen, etwa durch eine bereits in das Fenster integrierte automatische Lüftungsanlage. Das ist einer der Forschungspunkte von Hrachowina ab der zweiten Jahreshälfte. »In Hinblick auf das Smart Home starten wir mit Forschung zu intelligenten, kommunikativen Fenstern, z.B. zu intelligenter Lüftung«, informiert Geschäftsführer Peter Frei. Denn diese müsse auch Faktoren wie Raumfeuchte berücksichtigen.

Mit der Übersiedlung nach Wr. Neustadt und der Kooperation mit Weinzettl hat Hrachowina sein Produktsortiment im Holzbereich komplett erneuert. Einige der Innovationen: Der Beschlag sitzt neu, damit wird der Einbruchschutz erhöht. Die Wannendichtung wurde verbessert, damit sie sich nicht mehr wegbewegen kann. Das neue System bietet Barrierefreiheit. Erhältlich ist es in den Produktgruppen Solid, Basic und Big. »Wir haben zwar noch Kunststoffenster im Programm, konzentrieren uns aber auf das Material Holz«, berichtet Frei. Holz könne regional produziert werden, die Wertschöpfung bleibt in Österreich, man sei nicht abhängig. Hrachowina bezieht sein Holz aus dem Voralpengebiet.

Bild oben: Die Textilprägeplatte von Eternit wirkt als Hülle mit Struktur und Tiefe.

Energieeffizienz ist auch zentrales Thema bei Actual. Dabei stehen Konstruktionsmerkmale wie der doppelwandige Mitteldichtungssteg, energieeffiziente Rahmenkonstruktionen, bei denen auch zusätzliche Thermodämmung eingesetzt wird, hochwärmedämmende Glasabstandhalter und hochwertige Dichtungskonstruktionen im Fokus. Neben den Premium-Designlinien Alwood und Alevo bietet Actual die Cubic 9 in Holz-Alu und die Matrix 9 Serie in Kunststoff und Kunststoff-Alu. »Neue Lösungen gibt es u.a. bei Fensterbankanschlussprofilen, die mehr Platz für Überdämmung bieten, wärmedämmtechnisch und statisch besser sind und durch diese neue Konstruktion insbesondere auch sehr gut für den Wandaufbau mit 50er Ziegel geeignet sind«, berichtet Ingo Ganzberger.

Weg vom Photovoltaik-Look

Auch im Fassadenbereich spielt Multifunktionalität künftig eine zentrale Rolle, d.h. mehr Intelligenz, Erzeugung und Speicherung von Energie sowie Kommunikation mit anderen Fassadenteilen. Schon heute lebt weltweit jeder zweite Mensch in Städten. In Europa sind es laut einer aktuellen UN-Studie sogar schon drei von vier, Tendenz steigend. »Vor diesem Hintergrund kann eine erfolgreiche Energiewende nur über Städte führen. Ziel muss sein, urbane Regionen in Zukunft funktionaler, klimabewusster, energieeffizienter und ressourcenschonender zu gestalten«, fordert Theresia Vogel, Geschäftsführerin des Klima- und Energiefonds.

Zunehmend energetische und intelligente Faktoren sieht auch Chris­tof Pohn, Leiter Business-Unit Fassade bei Eternit, als Herausforderung an die Fassade. »Aktiv Umwelteinflüsse zu bedenken und darauf einwirken zu können, sind Eigenschaften von morgen.« Darunter fällt die Photovoltaik-Fassade ebenso wie die Grünfassade, die eine Senkung der Temperaturen im urbanen Bereich erzielen kann. Photovoltaik-Fassaden sind eine technologische Herausforderung, müssen natürlich energetisch funktionieren, brauchen aber auch optische Varianten. In wenigen Jahren wird die energetische Fassade laut Eternit Einheitsbrei sein. Man kann gespannt sein auf die Photovoltaik-Systeme von Eternit, die Mitte des Jahres auf den Markt kommen ebenso wie auf eine neue Fassadenstruktur. »Das wird auch 2019 ein Schwerpunkt sein«, kündigt Christof Pohn an.

Bild oben: »Schallschutz und Fassadenbegrünung stellen vor allem im innerstädtischen Bereich eine große Herausforderung dar«, weiß Sto-Produktmanager Ewald Rauter. 

Individuelle Wünsche an die Fassade erkennt auch Ewald Rauter, Leiter Produktmanagement bei Sto. »Den Architekten geht es um Optik und Design, Sonderwünsche müssen dabei zu verwirklichen sein, d.h. weg von Ebenflächigkeit, hin zu Strukturen – weg von vertikal hin zu schräg und gekrümmt.« Aktuell sei das speziell im innerstädtischen Bereich wichtig, ebenso wie die Punkte Schallschutz und Fassadenbegrünung. Zum Thema Energiegewinnung verweist Rauter auf ein Pilotprojekt in der Steiermark, das Smart Village Mödersdorf, das Ende September 2017 baugenehmigt wurde. Baubeginn ist für den Sommer 2018, Fertigstellung bis Ende 2018 vorgesehen. In den Modellhäusern soll eine autarke Versorgung mit Strom, Heizung, Kühlung, Warmwasser, Elektromobilität sowie 3D-Breitbandinternet, Telefon, TV, VoD, MoD und interaktiven regionalen Plattformservices geboten und getestet werden. Ein Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Fassade.

Nachhaltigkeit war auch Thema beim Forschungsprojekt »Klettfassade«, einem Fassadendämmsystem, das ohne Kleber auskommt und sich in seinen Hauptbestandteilen recyceln lässt. Sto-Systain R wurde in Kooperation mit der TU Graz entwickelt. Die Klettfassade nun mit Photovoltaik zu verbinden, ist ein FFG-Projekt, in dem Sto derzeit involviert ist. Damit soll Photovoltaik an der Fassade architektonisch einfacher zu integrieren sein. Statt auf starre Modulgrößen aus Glaspaneelen setzt das Forschungsprojekt auf glaslose, ultra­flexible und dünne Photovoltaik-Module für die Integration in die Gebäudehülle. Ein aktuelles Forschungsprojekt von Internorm gemeinsam mit der Holzforschung Austria befasst sich mit der Entwicklung von Fenstersystemen für Vakuumglas.

Ein energetisches Highlight bietet bereits die Produktlinie »concrete bionics«  des österreichischen Unternehmens Rieder. Das bionics System nutzt die Fläche aus Glasfaserbeton zur thermischen Aktivierung. Dabei werden Kapillarrohre direkt in die Betonfertigteile oder Fassadenplatten eingebracht. Die Energiegewinnung erfolgt mithilfe von Solarstrom und/oder Wärmepumpen sowie einem Speicher, sodass eine Wärme- als auch Kältewirkung möglich ist. Ziel ist es, den Architekten und Bauherren eine intelligente Gebäudehülle zu ermöglichen. »Die Technisierung und Automatisierung beim Fenster wird definitiv weiter gehen. Es gibt bereits Forschungen, das Fenster als Bildschirm zu verwenden«, wirft Christian Klinger, Miteigentümer und Unternehmenssprecher bei Internorm, einen Blick in die Zukunft. Für kleine Wohnungen und bei dichter Wohnbebauung könnten dadurch Vorteile entstehen.
Auch im Bereich Gebäudeautomation bzw. Gebäudesteuerung sind in Zukunft viele weitere Szenarien denkbar. So könnte es beispielsweise möglich sein, dass die Haussteuerung erkennt, wenn bei Tageslicht Fernsehen geschaut wird und automatisch die Rollläden herunterfährt.

back to top