Eine Stadt wird smarter

FOTO: Smartes Vorzeigeprojekt: In der Seestadt Aspern sollen moderne Technologien miteinander kombiniert und in der Praxis erprobt werden. FOTO: Smartes Vorzeigeprojekt: In der Seestadt Aspern sollen moderne Technologien miteinander kombiniert und in der Praxis erprobt werden.

Wenn es um Lebensqualität geht, belegt Wien stets die vordersten Plätze diverser Rankings. Damit das so bleibt, wird auf moderne Technologien gesetzt. Doch dabei gibt es einiges zu beachten.

Von Stefan Mey

Wer heute mit der U2 zum Standort der zukünftigen Seestadt Aspern fährt, der sieht dort in erster Linie Rohbauten und Kräne. Doch was derzeit noch nicht nach viel aussieht, gehört zu den größten Stadtentwicklungsvorhaben Europas: Auf 240 Hektar Projektgebiet, mit einem fünf Hektar großen See als Zentrum, entsteht bis 2028 ein neuer Stadtteil innerhalb der Donaustadt; 20.000 Menschen werden hier leben, sowie 20.000 Arbeitsplätze in den Bereichen Dienstleistung, Gewerbe, Wissenschaft, Forschung und Bildung geschaffen. Vor allem soll Aspern aber ein Ort werden, an dem moderne Technologien kombiniert und in der Praxis erprobt werden – eine »Smart City« soll als Vorzeigeprojekt entstehen.

»Smart City« ist ein Schlagwort, das bei Stadtentwicklern und Zulieferern verschiedener Branchen – von Bau über Energie bis IT – im Trend liegt. Moderne Technologien werden hier genutzt, um Energie zu sparen und die Lebensqualität in einer Stadt zu verbessern. Das betrifft das Immobiliensegment ebenso wie eine intelligente Steuerung öffentlicher Verkehrsmittel, um Fahrpläne dynamisch an Stoßzeiten anzupassen und rasch auf Ausfälle reagieren zu können. Auf der eigenen Website brüstet sich die Stadt Wien damit, den Smart-City-Prozess größer zu denken als andere Städte: »Hier werden nicht nur reine Umweltziele definiert, sondern sämtliche Lebenswelten der Stadtbewohnerinnen und -bewohner mitgedacht«, heißt es. Internationale Anerkennung bleibt nicht aus: Der jährlich veröffentlichte »Innovation Cities Global Index« der australischen Innovationsagentur 2thinknow ernannte Wien zur smartesten Stadt Europas und zur drittsmartesten Stadt der Welt; im Anfang 2014 erschienenen Smart City Ranking des US-amerikanischen Klimaexperten Boyd Cohen belegt Wien auf europäischer Ebene den dritten Platz.

Sauna statt Auto

Das Smart-City-Konzept beschränkt sich nicht nur auf Aspern. Zum Beispiel stellte man fest, dass in Wien 39 Prozent aller Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden – und eröffnete somit bereits 1999 in Floridsdorf die erste autofreie Wohnhausanlage mit 244 Mietwohnungen: Wer hier wohnen möchte, muss sich mit der Unterzeichnung des Mietvertrags verpflichten, auf ein Auto zu verzichten. Wege werden zu Fuß, mit dem Rad oder den Öffis zurückgelegt – wer doch ein Auto braucht, kann auf Carsharing zurückgreifen. Die eingesparte Fläche für Parkplätze konnte für alternative Bautechnologien und Grünflächen genutzt werden. Ähnliches gibt es auch im Stadtentwicklungsgebiet Nordbahnhof. Die Projekte »Bike City« oder »Bike & Swim« legen den Schwerpunkt auf großzügige Fahrradabstellplätze und punkten zusätzlich mit Fitnessraum, Sauna und Pool am Dach.

Die Stadt wächst

Einen Handlungsbedarf haben Städte weltweit, auch in Österreich, aufgrund der Urbanisierung: Mehr als 70 Prozent der Menschen in Europa leben in Städten, hier werden 70 Prozent der Energie verbraucht; in 25 Jahren wird der Großraum Wien rund drei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner zählen. Der Wohnbauforscher Wolfgang Förster erklärt in einem Interview mit dem Standard, dass der Wohnungsleerstand in Wien auf ein Minimum geschrumpft ist, während die Zahl der Single-Haushalte stark zunimmt – am größten ist die Nachfrage nach Wohnungen mit zwei Zimmern. Eine Reaktion auf die Urbanisierung ist daher kein reines Wohlfühlprogramm, sondern wirkt potenziellen Problemen entgegen, wie Azra Korjenic, Professorin am Institut für Hochbau und Technologie an der TU Wien, gegenüber dem Bau & Immobilien Report erwähnt: Ohne entsprechende Maßnahmen ist eine stark wachsende Stadt unter anderem durch Überlastung der Infrastrukturen, Gefährdung der Wasser- und Energieversorgung, Umweltverschmutzung, logistische Engpässe und Wohnraummangel gefährdet. Im Gebäudebereich werden daher laut Korjenic bereits verschiedene Maßnahmen gesetzt, wie energieeffiziente Beleuchtung inklusive Steuerungsstrategien, Bauteilaktivierung beim Heizen und Kühlen, Effizienz bei Antrieb, Transport und Versorgung, ein Zusammenspiel mit der Gebäudehülle, optimierte Raumlufttechnik inklusive Luftverteilungsstrategien, Reduktion innerer Lasten, Vermeidung einer sommerlichen Überwärmung und Tageslichtlenkung, Plus-Energie-Technologien wie Photovoltaik und Geothermie sowie Gebäudebegrünung. Wie baut man das Gebäude an sich also möglichst smart? »Grundsätzlich ist eine verdichtete Bauweise zu bevorzugen«, sagt Korjenic: »Sie bedeutet nicht nur Erhöhung der Energieeffizienz im Gebäudebereich, sondern auch eine Reduzierung der täglichen Pendlerwege, beziehungsweise eine Steigerung der Energieeffizienz und Reduzierung des CO2-Ausstoßes im Verkehrsbereich.« Durch Gebäudebegrünung werde die Stadt nicht nur energieeffizient, sondern auch lebenswert.

Smarte Altbauten

Großes Potenzial bietet für Energieeinsparung und Klimaschutz dabei nicht nur der Neubau, sondern auch der Sanierungsbereich. In Wien sind denkmalgeschützte Objekte und Bauteile freilich von besonderer Bedeutung – doch auch für ein Baudenkmal gibt es laut Korjenic verträgliche Maßnahmen für eine energetische Optimierung mit einem geringen Eingriff in die Substanz und ohne Veränderung des Erscheinungsbildes: »Die Steigerung der Energieeffizienz wird dabei hauptsächlich durch die Erneuerung der Haustechnik erreicht.«  Eine entsprechende Richtlinie »Energieeffizienz am Baudenkmal« bietet das Bundesdenkmalamt auf seiner Website zum Download an.

Wunschliste der Bevölkerung

Die Wahrnehmung der Bevölkerung in Bezug auf smarte Immobilien ist laut Korjenic jedenfalls großteils ziehen vor allem jene Unternehmen und Personen in derartige Bauten, die bewusst danach gesucht haben. Mussten Mieter jedoch spontan einziehen, so wurden einzelne Dinge als unterschiedlich gut befunden.

So wollen Mieter etwa auch bei automatischer, optimierter Lüftung die Fenster selber öffnen können; es wird mehr Einflussmöglichkeit bei Temperatur- und Luftfeuchteregelung sowie bei der Raumlüftung und oft auch bei der Beleuchtungsregulation gewünscht – eine volle Automatisierung ohne Veränderungsmöglichkeit durch den Bewohner wird mehrheitlich abgelehnt. Ein Sonderthema ist der Sonnenschutz: Automatische Anlagen werden oft als störend empfunden, doch die manuelle Steuerung kann ebenfalls mühsam sein, sagt Korjenic. Gut angenommen wird hier ein Kompromiss: Manueller Sonnenschutz mit Lichtlenkung im oberen Bereich. Generell gebe es aber Objekte, in denen alles sehr gut funktioniert und dabei ein sehr gutes Kosten-Nutzenverhältnis erreicht wird. »Wir brauchen aber noch mehr Vorzeigeobjekte sowie Bekanntmachung dieser funktionierenden Geschäftsmodelle, damit sie nicht als einzelne Forschungsobjekte angesehen werden«, sagt Korjenic. Auch die ersten Lüftungsanlagen seien nicht optimal gewesen: Sie waren oft falsch eingestellt, zu laut sowie über oder unterdimensioniert. »Gegenwärtig, dank Forschung und Optimierung, funktionieren sie aber perfekt«, ist Korjenic überzeugt.

Loslegen mit IT-Lösungen

Wer nicht gleich ein neues Heizungssys­tem oder eine neue Dämmung einbauen möchte, der kann bereits mit kleinen IT-Tools seine ImmoProjekte deutlich smarter machen. So bietet das Start-up Opti-Q für Qualitäts- und Projektmanager die intelligente Checkliste »iCL«, die Daten bei visuellen Prüfungen mobil auswertet und automatisch Berichte erstellt – das dürfte in der Baubranche von Vorteil sein. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch die von der Telekom Austria unterstützte App »DefectRadar« des gleichnamigen Start-ups: Hier werden Baumängel per Tablet-PC dokumentiert, lästige Papierpläne bei der Begehung des Baustelle sollen der Vergangenheit angehören. In der Immobilie selbst können wiederum bestehende Stromkreise smart gemacht werden: Mit dem »EasyHome control« von Wien Energie oder dem »Qgate« des gleichnamigen Start-ups können Heizungen und Elektrogeräte aufgerüstet werden, so dass der Bewohner sie per Smartphone steuern kann – wer aus dem Winterurlaub kommt, schaltet am Heimweg die Heizung an; auf der Rückfahrt aus dem Büro wird   die Waschmaschine gestartet. Das bringt vor allem einen Zugewinn an Lebensqualität und spart zudem oft Energie.


 Nächste Station: Barcelona

Die Bandbreite der Möglichkeiten bei der Schaffung einer smarten Immobilie ist groß - wer Interesse hat, sollte sich den 18. bis 20.11. im Kalender markieren: Dann findet in Barcelona die Smart City Expo 2014 statt, zu der im Vorjahr 7000 Besucher kamen. Denn neben Wien arbeitet auch das Euro-Krisenland Spanien daran, durch ein smartes Barcelona wettbewerbsfähiger zu werden - so wie es auch Städte wie Stockholm, London oder Amsterdam tun.

Last modified onMittwoch, 16 Juli 2014 15:30
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