"Rohstoffgewinnung ist immer ein Problem"

"Die Rohstoffdiskussion hinkt  20 Jahre nach", kritisiert Stefan Schleicher, Professor am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel an der Uni Graz. "Die Rohstoffdiskussion hinkt 20 Jahre nach", kritisiert Stefan Schleicher, Professor am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel an der Uni Graz. Foto: wikopreventk

Kreislaufwirtschaft ist ein Schlüssel, um sich aus Abhängigkeiten bei Rohstoffen zu befreien. Bei Gebäuden wäre noch wesentlich mehr möglich, meint Stefan P. Schleicher, Professor am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel an der Uni Graz sowie Konsulent am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) in Wien. 

(+) plus: Welche Bedeutung haben Rohstoffe als Wirtschaftsfaktor in Österreich?

Stefan P. Schleicher: Österreich ist als Land mit einer Hightech-Industrie abhängig von Rohstoffen. Es geht hier Österreich nicht anders als Europa insgesamt. Der EU ist klar geworden, wie wichtig eine sensitive Rohstoffpolitik ist und man hat dazu eine eigene Strategie entwickelt. Die österreichische Rohstoffstrategie lehnt sich daran an. Es ist sehr bemerkenswert, dass das Thema »Circular Economy« auch auf EU-Ebene wieder stärker zu hören ist. Das ist ein Schlüssel, um sich von unerwünschten Abhängigkeiten bei Rohstoffen zumindest ein wenig zu befreien. Mehr denn je besteht auf politischer Ebene ein Bewusstsein, dass die EU sehr verletzbar ist – vor allem bei den kritischen Rohstoffen. 


(+) plus: Schon die Erstellung des Österreichischen Rohstoffplans hat ziemlich lang gedauert und wurde bis heute nicht von allen Bundesländern akzeptiert. Wo spießt es sich?

Schleicher: Das ist ein Bereich, der von seiner Wichtigkeit her lange unterschätzt wurde. Es gibt zwei Perspektiven. Die eine ist die kurzfristige Versorgungssicherheit. Die andere Perspektive ist, wie das Wirtschaftssystem insgesamt auf lange Sicht mit Rohstoffen strategisch umgehen soll. Alle Empfehlungen lauten, Rohstoffe, wo immer es möglich ist, wesentlich produktiver einzusetzen. Bei energetischen Rohstoffen haben wir das inzwischen gelernt. Österreich hat in diesem Bereich schon sehr viel herzuzeigen. Es liegt nur noch an den Bundesländern, als oberste Instanz in der Bau- und Raumordnung entsprechende Maßnahmen zu setzen. Die Schätzungen des Wifo gehen bis 2050: Gebäude und Straßen, die jetzt errichtet werden, bestehen aber über diesen Zeitraum hinaus. Alle Investitionen wären also schon heute zu prüfen, ob sie mit den energie- und klimapolitischen Zielen danach noch vereinbar sind. 


(+) plus: Zu welchem Anteil kann 
Recycling den Rohstoffbedarf decken? 

Schleicher: Da ist je nach Rohstoff unterschiedlich. Allein bei Gebäuden wäre viel möglich. Wir sollten wieder bewusst so bauen, dass beim Abriss am Ende eines Lebenszyklus alle enthaltenen Rohstoffe relativ leicht zu trennen sind und dann recycliert werden können. Man könnte auch teilweise Baustahl durch Träger aus Holz ersetzen, die modernsten Gebäude in den USA werden schon so gebaut. Wir verfügen heute über Technologien, mit denen praktisch an jedem Ort der Welt ein Gebäude weitgehend energieautark errichten werden kann – in Saudi-Arabien genauso wie im Norden von Schweden. 


(+) plus: Welche Branchen sind Vorreiter im nachhaltigen Wirtschaften?

Schleicher: Wir sind auf einem guten Weg bei Papier und bei Glas, bei Kunststoffen könnte noch wesentlich mehr getan werden. Dann gibt es natürlich die weit in die Zukunft reichenden Ausblicke – Stichwort Urban Mining. Das klingt ja heute noch extrem abenteuerlich, ist aber ein Hinweis, dass künftig Rohstoffe an Orten zu finden sein könnten, an die wir heute noch gar nicht denken. 


(+) plus: Ist Rohstoffgewinnung im Einklang mit der Natur überhaupt möglich?

Schleicher: Diese Frage trifft genau den Kern. Grundsätzlich stellt die Gewinnung fast jedes Rohstoffs ein Problem dar. Diesbezüglich gibt es auch nach wie vor Konflikte in Österreich. Sand und Kies sind prinzipiell genügend vorhanden, aber mit einer Nutzungskonkurrenz für andere Verwendungen verbunden: Entweder muss man Naturräume zerstören oder Siedlungs- und Betriebsräume reduzieren. Das gilt auch für biogene Rohstoffe, die vermutlich künftig eine wichtige Rolle in der Erzeugung vieler neuer Werkstoffe einnehmen. Was wir heute aus Stahl und Aluminium produzieren, könnte schon bald durch Polymere, also Kunststoffe, ersetzt werden, die aus nachwachsenden Rohstoffen stammen. Erste Anwendungen finden wir bereits im Automobilbau. Gleichzeitig  gibt es Überlegungen, die Abscheidung von CO2, das etwa bei der Stahl- oder Zementproduktion entsteht, direkt als Rohstoff für neue Werkstoffe zu verwenden. In 20 Jahren ist »Carbon Management« vielleicht schon Wirklichkeit.


(+) plus: Laut UNO-Bericht werden seit dem Jahr 2000 Rohstoffe sogar weniger effizient genutzt als zuvor. Weiß man, wie es ginge und macht es nur nicht?

Schleicher: In Österreich sind wir auf einem guten Weg. Die Daten aus der Materialflussrechnung zeigen uns, dass wir mit Rohstoffen deutlich produktiver umgehen. Dass es in anderen Teilen der Welt leider nicht so gut funktioniert, ist ein Faktum. Aber selbst in China zeigt sich ein Umdenken: Wo immer dort derzeit Großinvestitionen getätigt werden, gerade im energieintensiven Bereich, kommt die beste Technologie zum Einsatz. China ist sich seiner Probleme sehr bewusst geworden – vor allem, was die bodennahe Luftverschmutzung und die schwere Belas-tung der Gewässer betrifft. 


(+) plus: Der Konsens, der bei internationalen Umweltkonferenzen erzielt wird, ist meist minimal. Sind wirtschaftliche Interessen letztlich immer stärker? 

Schleicher: Auf den ersten Blick scheint es so. Ich bin intensiv in den europäischen Emissionshandel für CO2 involviert. Dieses Instrument hat von der Idee her sicher eine gute Beurteilung verdient. Das Prinzip des CO2-Handels wäre ja, das Gesamtvolumen an CO2 dort zu emittieren, wo auch die größte Wirtschaftsleistung damit erzielt wird. Leider gab es einige Fehler im Design und man findet keinen politischen Konsens mehr, um diese Schwachstellen zu reparieren. 


(+) plus: Belügt man sich mit Schlagworten wie »Green Economy« selbst?

Schleicher: Ich bin immer vorsichtig mit dieser Etikettierung und verwende lieber den Begriff »Circular Economy«. Jeder Rohstoff sollte sehr sorgsam eingesetzt werden, um höchste Produktivität zu erreichen – und zwar über einen Nutzungszyklus, der nicht bei einem Produkt aufhört. Bei einem älteren Notebook etwa konnte man den Akku noch relativ leicht tauschen. Heute gibt es viele Produkte, wie zum Beispiel die neuen Apple EarPods, die man nur noch wegwerfen kann, wenn sie kaputt sind. Das ist im Sinne der Kreislaufwirtschaft eigentlich ein Fehldesign. Gerade diese Kopfhörer enthalten nämlich viele kostbare Rohstoffe. Jedes Gerät sollte ähnlich modular aus einzelnen Komponenten zusammengesetzt sein wie die erste Generation der Personal Computer. Bei Mobiltelefonen hat sich das leider nicht durchgesetzt. Letztlich betrifft das auch unsere Konsumentscheidungen: Wenn wir ein Produkt kaufen, müssen wir seine gesamte Geschichte betrachten. Dieses Bewusstsein ist noch nicht sehr verbreitet. Auch eine Firma wie Apple macht sich darüber noch recht wenig Gedanken.


(+) plus: Ist die Rohstoffstrategie der EU Ihrer Meinung nach ein guter Kompromiss?

Schleicher: Das ist nur ein Anfang. Die Rohstoffdiskussion hinkt 20 Jahre nach. Wir stehen heute dort, wo wir Mitte der 90er-Jahre in der Klimapolitik waren. Die Wirtschaft hat sich jetzt diesem Problem zu stellen. Im Unterschied zu damals haben wir aber schon relativ viele gute Lösungsansätze. 


(+) plus: Im Club of Rome-Bericht war die Verknappung der Ressourcen schon 1972 ein Thema. Wurde das zu wenig ernst genommen?

Schleicher: Der Bericht war sicher sehr wichtig, aber er hatte einen viel zu engen Horizont. Zum Beispiel wurde völlig unterschätzt, wie viel produktiver wir mit Ressourcen umgehen können. Es wird noch einige Zeit dauern, bis wir beim Kauf eines Mobiltelefons überlegen, welche Rohstoffe darin enthalten sind. Ich bin überzeugt, in diesem Bereich wird es ein großes Umdenken geben. Das neue Nokia-Modell im scheinbar uralten Design spricht schon diese Käuferschicht an, unter anderem auch aus Sicherheitsgründen. Aber ich gebe ehrlich zu: Ich glaube noch nicht, auf die vielen Features eines Smartphones verzichten zu können.

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