Disruptiv

"Damit morgen noch besser ist als gestern." "Damit morgen noch besser ist als gestern." Foto: Thinkstock

Schön, wenn moderne Technik und Ideen aus dem Silicon Valley unsere Welt so richtig entrümpeln. Ein Lobgesang von Rainer Sigl.

Mal ehrlich: Die Vergangenheit war mies, die Gegenwart ist okay, aber so richtig leiwand ist immer – die Zukunft. Und dass die mit Sauseschritten Wirklichkeit wird, ist das Verdienst revolutionärer Vordenker, die sich kraft ihrer Tüchtigkeit zuerst zu Startup-Entrepreneuren, dann zu milliardenschweren Monopolisten und schließlich zu visionären Weltrettern gewandelt haben. Rings um diese Titanen erhebt sich der aufgewirbelte Staub zerschlagener Traditionen und macht den Blick frei auf eine glorreiche Zukunft, in der alles unsicher ist – außer einem: Der Rubel rollt. Kein Wunder, bei so viel guten Ideen.

Wie etwa die Genialität des disruptiven Geschäftsmodells von Uber weltweit schändliche Taximonopole zerbröselt, ist ein bewundernswerter Befreiungsschlag. Ja, endlich dürfen sich Menschen mit Kraftfahrzeug selbst ganz ohne Behördenbelästigung als freiberufliche Personentransporteure verdingen – schlank, günstig und schnell, ganz ohne lästige Konzessionsfolklore, überflüssige Sicherheitsstandards oder mühsame, von gefräßigen Gewerkschaften aufoktroyierte Unsinnigkeiten wie Krankenstand, Ruhezeiten oder ähnliche unternehmerfeindliche Fesseln. Doch damit nicht genug Innovation: Uber-Konkurrent Lyft hat soeben ein revolutionäres Konzept vorgestellt, bei dem Mitfahrwillige an – was für ein Geniestreich! – sogenannten »Haltestellen« warten, während ein Lyft-Fahrer gleich mehrere Personen entlang einer festgelegten Strecke transportiert und sie an anderen »Haltestellen« nach »Fahrplan« aussteigen lässt! Das ist genial!

Von ähnlicher revolutionärer Brillanz ist auch die Idee Amazons, den Versandhandel auf verblüffende Weise in die Zukunft zu führen. Ja, der Versandriese hat schon bisher nicht nur unseren Alltag, sondern auch das Gesicht zahlloser Einkaufsstraßen verändert, aber jetzt kommt der Überhammer: Stellen Sie sich vor, Sie müssten einfach nicht mehr warten, wenn Sie irgendetwas – was weiß ich, Klopapier, Milch – beim Versandgiganten Ihres Vertrauens erstehen wollten! Klingt utopisch? Wie soll das gehen, fragen Sie? Haha, warten Sie’s ab: Amazon plant, in einem disruptiven Innovationsschritt Dinge des täglichen Gebrauchs direkt in Ihrer Nähe in speziellen Kleinlagern ständig zum Verkauf anzubieten – und Sie gehen einfach hin, nehmen das gewünschte Produkt selbst aus dem Regal, bezahlen und tragen es dann sofort mit nach Hause! Irre, oder? Da kann einem ganz schwindlig werden!

Wie sich das alles finanzieren soll? Ganz einfach, so wie bisher beim Erfolgslauf disruptiver Geschäftsmodelle: durch Einsparung lästiger Steuerzumutungen, durch clevere Buchhaltung, durch Abbau unverschämt gesetzlich überversicherter Angestellter und natürlich durch den gewohnt fantastischen Innovations- und Qualitätsvorsprung, den ein milliardenschwerer De-facto-Monopolist unter Aufbringung all seiner Visionen, seiner zärtlichen Kundenüberwachung und sanft nachdrücklichem Lobbying so zu bieten hat. Und natürlich dank der neuen App! Haben Sie die schon gesehen? Ein Au-gen-schmaus! Damit morgen noch besser ist als gestern. Zumindest für manche.

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