Schule der Zukunft

Foto: Die Mittlere Reife würde eine solide Grundlage für jeden möglichen Weg geben – egal, ob Lehre, AHS-Oberstufe oder berufsbildende Schule. Foto: Die Mittlere Reife würde eine solide Grundlage für jeden möglichen Weg geben – egal, ob Lehre, AHS-Oberstufe oder berufsbildende Schule.

Die österreichische Schulgesetzgebung stammt großteils aus dem Jahr 1962. Grundlegende Reformen des Bildungssystems wurden bisher von jeder Regierung angekündigt, scheiterten aber an ideologischen Differenzen. Kaum ein Thema polarisiert so emotional wie die Frage, wie die Schule der Zukunft aussehen soll. Um mehr Sachlichkeit in die Diskussion zu bringen, lud Report(+)PLUS die niederösterreichische Landtagsabgeordnete Ilona Tröls-Holzweber und Helmut Schwarzl, Bildungssprecher der Industriellenvereinigung NÖ, zum Gipfelgespräch

(+) plus: Warum sollte das Bildungssystem Ihrer Meinung nach reformiert werden?

Ilona Tröls-Holzweber: In den letzten Jahrzehnten hatten wir im Bildungswesen nicht viel Bewegung. Es gab Einzelaktionen, aber eine durchgängige, inhaltlich kompakte Bildungsstrategie fehlte.

Helmut Schwarzl: Es bräuchte einen Masterplan vom Kindergarten bis zur tertiären Bildung. Es gibt unzählige Pilotprojekte, die teilweise über Jahrzehnte laufen, aber nie zu etwas Großem zusammengefügt werden. Die Erkenntnisse aus diesen Schulversuchen bleiben liegen. Es wird viel zu ideologisch über Bildungswege nachgedacht und nicht zielgerichtet von einer Bildungsstufe zur nächsten.

Stattdessen diskutiert man über die Gesamtschule. Das ist doch unwichtig! Es geht darum, wie ein Kind am besten für den nächsten Ausbildungsschritt vorbereitet wird – bis hin zu einer vernünftigen Berufsorientierung in der 8. Schulstufe.

(+) plus: Könnte die nun geplante Bildungsreform der von vielen erhoffte große Wurf sein?

Schwarzl: Ein großer Wurf ist es nicht. Was die Autonomie betrifft, sind wir auf dem richtigen Weg, weil Schulen diese Eigenständigkeit brauchen. Schulleiter bekommen die Kompetenz, differenziert zu agieren. Aber im Gesamten ist es viel zu wenig.

(+) plus: Was hätten Sie sich erwartet?

Schwarzl: Man müsste den Mut haben, auch langfristige Maßnahmen anzugehen. Bei diesem Thema darf man nicht in Legislaturperioden denken. Um ein Bildungssys­tem zu ändern, braucht es viele Jahre und wesentlich mehr Mittel. Die Lehrer sollten ihre gesamte Arbeitszeit in der Schule verbringen können.

Tröls-Holzweber: Genau das ist aber aufgrund der mangelhaften Ausstattung der Schulen nicht möglich. An meiner Schule unterrichten fast 30 Lehrerinnen und Lehrer. Im Lehrerzimmer haben nicht einmal alle einen Platz und nur ein Computer steht zur Verfügung. Die Kollegen sind also gezwungen, ihre Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Wir benötigen viel mehr Ressourcen, um auf ein zukunftsfähiges Niveau zu kommen – von der Ausbildung der Pädagogen rede ich da noch gar nicht.

Bild oben (v.l.n.r): Ilona Tröls-Holzweber, Helmut Schwarzl, Angela Heissenberger, Martin Szelgrad.

(+) plus: Könnte die Schulautonomie daran etwas ändern?

Tröls-Holzweber: Das wäre nur möglich, wenn es an den Schulen auch eine finanzielle Autonomie geben würde. Das ist aber nicht vorgesehen. Die Finanzierung wird beim Land bzw. beim Bund bleiben.

(+) plus: Im Rahmen der Digitalisierungsstrategie soll bis 2020 jedes Schulkind ein Tablet zur Verfügung gestellt bekommen. Halten Sie das für sinnvoll?

Schwarzl: Das geht viel zu weit. Es scheitert ja schon an den Grundkompetenzen – viele Kinder haben Schwierigkeiten beim Rechnen oder sinnerfassenden Lesen. Ich sehe das bei den Aufnahmetests für Lehrlinge. Manche Jugendliche können nach neun Schuljahren keinen richtigen Satz schreiben.

(+) plus: Woran liegt das?

Tröls-Holzweber: Oft ist es schon im Elternhaus begründet. Alles wird an die Schule ausgelagert. Kinder, die nicht einmal mit einer Schere schneiden können – das gab es früher nicht. Die Differenzierung in den Klassen ist enorm, aber es fehlt an Ressourcen und Personal, um diesen Anforderungen gerecht zu werden.

(+) plus: Wie kann es gelingen, den sozialisationsbedingten Bildungslevel der Eltern und die geschlechtsspezifische Berufswahl zu durchbrechen?

Schwarzl: Das wäre durch die Einführung der Mittleren Reife möglich. Bei diesem Modell wird eine solide Grundlage für jeden möglichen Weg gegeben – egal, ob Lehre, AHS-Oberstufe oder berufsbildende Schule. Viele Schüler werden ja in Ausbildungen gedrängt, für die sie gar nicht geeignet sind. Das macht doch keinen Sinn.

Tröls-Holzweber: Ich wäre dafür, das 9. Schuljahr für alle anzubieten – ein beruforientierendes Jahr als Abschluss der Pflichtschule. In der Neuen Mittelschule ist Berufsorientierung bereits Teil des Lehrplans, in der AHS-Unterstufe ist das aber überhaupt nicht vorgesehen. Die Eltern sind damit auch überfordert. Sie wissen gar nicht, welche Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten es heute gibt.

(+) plus: Wie könnte dieses Jahr gestaltet sein?

Tröls-Holzweber: Die Schülerinnen und Schüler bekommen die Möglichkeit, mehrere Berufe kennenzulernen, in Firmen zu gehen, mit Bildungsexperten zu sprechen. Ein Talentecheck gibt Orientierung, wo die eigenen Potenziale und Fähigkeiten liegen. Informiert wird in alle Richtungen: alles über Facharbeiterausbildung und berufsbildende Schulen, aber auch, welche Studiengänge es an den Universitäten und Fachhochschulen gibt.

(+) plus: In Finnland wird die Abschaffung der einzelnen Schulfächer überlegt. Wäre das auch in Österreich denkbar?

Tröls-Holzweber: Nein, aber eine vernetzte Zusammenarbeit der einzelnen Lehrer wäre durchaus wünschenswert. Es gibt bei vielen Themen Verbindungen zwischen den Fächern und die sollte man nutzen. Man muss die Pädagogen dazu bringen, sich hier zu öffnen.

(+) plus: Wie schwierig ist das?

Tröls-Holzweber: Sehr. Lehrer sind gewohnt, als Frontmen in der Klasse zu stehen und für alles selbst verantwortlich zu sein. Es fällt ihnen oft schon schwer, ein Problem einzugestehen und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Jungen sind vielleicht schon ein bisschen offener.

(+) plus: Defizite aufholen oder Talente stärken – was ist in Zukunft wichtiger?

Tröls-Holzweber: Lesen, Schreiben, Rechnen sind Voraussetzung – ich nehme sogar noch Englisch dazu. In diesen Bereichen kann ich schon Potenziale fördern. Das lässt sich mit differenziertem Unterricht bewerkstelligen und ist durch die breite Streuung in den Volksschulklassen oft gar nicht anders möglich.

Schwarzl: Ich würde diese Grundkompetenzen noch erweitern. Wirtschaftliches Verständnis gehört auch dazu, ebenso ein Bewusstsein für Werte. Diese Basis muss in den ersten Jahren gelegt werden.

(+) plus: Diese sozialen Fähigkeiten und Werte wurden früher vom Elternhaus mitgegeben. Geht das verloren?

Tröls-Holzweber: Diese Veränderung zeigt sich in der Gesellschaft überall. Wenn ich mir die Sprache und den Umgang miteinander anschaue, befinden wir uns auf einem Weg, der mir Angst macht.

Schwarzl: Es ist eine gesellschaftliche Frage, warum Eltern vielfach nicht mehr befähigt sind, Kinder zu erziehen. Das zieht sich quer durch alle Bildungsschichten. Die einen haben selbst keine Herzensbildung genossen, die anderen sind so in ihrem Beruf verhaftet, dass sie die Kinder aus Zeitmangel materiell ruhig stellen.
Ich glaube, dass Eltern diesen Auftrag nicht mehr wahrnehmen können.

Wir brauchen per Gesetz die Ganztagesschule. Das Modell hat nur Vorteile: Die Aufgabe wird in der Schule erledigt, das bedeutet zu Hause weniger Stress. Zugleich bindet man damit auch Schüler mit Migrationshintergrund ein, die sonst mittags heimgehen und dann nur noch ihre Muttersprache sprechen. Das Lernen in der Gruppe fördert die sozialen Kompetenzen.

Tröls-Holzweber: An meiner Schule gab es diese verschränkte Form der Ganztagesbetreuung. Die Kinder waren von 7.40 Uhr bis 16 Uhr in der Schule. Der Unterricht war über Vormittag und Nachmittag verteilt und die Kinder meldeten sich zusätzlich zu Interessensgruppen an. Man konnte viel stärker auf die individuellen Bedürfnisse eingehen.

Das Angebot war zunächst kostenfrei, als der Schulversuch aber auslief, musste es bezahlt werden. Viele Eltern können sich das nicht leisten. Jetzt haben wir zwei getrennte Formen, die Kinder stehen am Zaun und schauen herüber. In einem Campus-Modell wäre das leichter lösbar. Alle Bildungseinrichtungen vom Kindergarten aufwärts könnten regional zusammenarbeiten.

(+) plus: Welche Vorteile hätte ein Campus noch?

Tröls-Holzweber: Wenn jemand den Campus aus wirtschaftlicher Sicht managt und an den Schulstandorten die pädagogische Leitung verbleibt, könnte man mit den Ressourcen ganz anders umgehen.

Schwarzl: Die Schuldirektoren werden dann nicht mehr mit administrativen Aufgaben zugeschüttet. Es ist ja derzeit nicht einmal möglich, eine Mitarbeiterin für diese Tätigkeiten anzustellen, weil sich Bund und Land nicht über die Finanzierung einigen können. Eine neue Ebene einzuführen, wie das Cluster-Modell im Autonomiepaket es vorsieht, ist gar nicht notwendig. Die Schulen sollen enger zusammenarbeiten. In einem Gremium könnten sich die Schulleiter regelmäßig abstimmen.

(+) plus: Ist die Teilung der Zuständigkeiten auf Bund und Länder noch zeitgemäß?

Tröls-Holzweber: Es ist nicht einzusehen, warum im Burgenland andere Rahmenbedingungen gelten sollen als in Vorarlberg. Die Kompetenzen für das Budget und die Ausbildung der Pädagogen sollten in den Bund wandern und für ganz Österreich gleich sein.

Schwarzl: Die Standards müssen klar definiert sein und auf lokaler Ebene wird umgesetzt – wie in einem Konzern. Am grünen Tisch spricht sich das natürlich immer leicht: Das sind schon große Themen. Aber so vieles liegt schon am Tisch. Wenn man objektiv vom Kind ausgeht, ist das möglich. Bildung ist das schlechteste Feld, um Machtinteressen auszuleben.

(+) plus: Was sollte sich in der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer ändern?

Tröls-Holzweber: Mir ist es wichtig, dass auch die Kindergartenpädagoginnen einbezogen werden. Das beginnt schon bei der Zulassung zur Ausbildung. Nicht alle, die sich berufen fühlen, bringen auch die richtigen Fähigkeiten für den Beruf mit. Ich trete für rigorosere Zugangsbeschränkungen an den Pädagogischen Hochschulen ein. Pädagogen sollen Kinder wie ungeschliffene Diamanten zum Glänzen bringen.

Dafür brauche ich die besten Leute. Je früher und umfangreicher die Unterrichtspraxis angesetzt ist, desto besser. Viele Lehrerinnen und Lehrer erwerben zusätzliche Qualifikationen, das sollte man in der Entlohnung auch berücksichtigen.

Schwarzl: Es ist derzeit egal, ob sich ein Lehrer reinhängt oder eine ruhige Kugel schiebt. Der Leistungsgedanke ist im Bildungssystem noch überhaupt nicht angekommen.

Wir haben gute Schulen. Über die Angebote des Schulwesens muss man nicht diskutieren, es ist alles vorhanden. Der Lehrberuf hat leider ein katastrophales Image – völlig unberechtigt, wie ich meine. Es gibt unglaublich engagierte Lehrer. Aber man muss ihnen auch die nötigen Mittel in die Hand geben.

(+) plus: Warum ist Lernen in Öster­reich eigentlich so negativ besetzt? Prominente rühmen sich in Interviews damit, schlechte Schüler gewesen zu sein. Macht man eine Fortbildung, wird man bemitleidet. Ist das Thema Lebenslanges Lernen nur ein Lippenbekenntnis?

Schwarzl: Die Schüler werden von Anfang an auf Abschlüsse fokussiert: Wenn du mit der Schule fertig ist, brauchst du nichts mehr lernen. Sie werden mit Wissen zugeschüttet und nach der Prüfung ist alles weg.

Wir müssen den Kindern schon im Kindergarten klar machen: Lernen ist wie Zähneputzen. Das gehört zum Leben dazu. Lernen muss sexy werden.

(+) plus: Warum geht die natürliche Wissbegierde der Kinder verloren?

Tröls-Holzweber: Nach jeder Prüfung fängt ein neues Kapitel an, alles wird wieder vergessen. Vernetzt man aber die Inhalte, erfasst das Kind die Zusammenhänge und wird selbst aktiv.

Wir leben nicht mehr in einer Zeit, wo das Lernen mit einer Ausbildung abgeschlossen ist. Damit haben wir auch einen Auftrag: Lehrer müssen vermitteln, dass Lernen Freude macht. Nicht alles macht Spaß, aber es muss Freude machen, Interesse wecken und motivieren. Das geht nur, wenn ich als Lehrer dafür brenne. Vieles wird von Pädagogen schon gemacht, auch unentgeltlich und ohne gesetzlichen Rahmen. Sie investieren wesentlich mehr Zeit als vorgesehen – aber die Wertschätzung dafür fehlt.

Schwarzl: Das Thema Bildung sollte völlig aus der Politik herausgenommen werden. Man müsste einen unabhängigen Expertenrat schaffen, der das Bildungssystem der Zukunft entwickelt. Wenn wir uns von diesem Hickhack der Parteien nicht lösen, wird das Bildungswesen nicht reformierbar sein.


Zur Person

Helmut Schwarzl ist Geschäftsführer der Geberit Beteiligungsverwaltung Gmbh und seit 2012 Obmann der Chemischen Industrie Niederösterreichs, seit 2015 auch Obmann-Stellvertreter im Bundesfachverband. In der Industriellenvereinigung NÖ übt er die Funktion des Vizepräsidenten aus.

Ilona Tröls-Holz­weber ist Sonderschullehrerin und war stellvertretende Direktorin am Sonderpädagogischen Zentrum St. Pölten, zudem lehrte sie mehrere Jahre an der Pädagogischen Hochschule Krems. 2010 wurde sie in den Gemeinderat in Gerersdorf gewählt und 2013 als Abgeordnete der SPÖ zum NÖ Landtag angelobt.

Last modified onDienstag, 04 Juli 2017 10:27
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