»Wir brauchen mehr und nicht weniger«

"Leonhard Schitter, Vorstandssprecher der Salzburg AG, sieht in der Auftrennung der Strompreiszone ein falsches Signal für Europa." "Leonhard Schitter, Vorstandssprecher der Salzburg AG, sieht in der Auftrennung der Strompreiszone ein falsches Signal für Europa."

Leonhard Schitter, Vorstandssprecher der Salzburg AG, über das Engagement bei neuen Kraftwerken, die drohende Trennung der Strompreiszone mit Deutschland und Herausforderungen in der Regulierung.

Report: Herr Schitter, was sind die Wachstumsthemen bei der Salzburg AG für die nächsten Jahre?

Leonhard Schitter: Die Salzburg AG hat ein in Österreich einzigartiges Portfolio bestehend aus den Bereichen Energie, Mobilität und Telekommunikation. Kombiangebote, und da insbesondere in Verbindung mit Telekom-Varianten, also generell der Ausbau der Produktangebote und der Energiedienstleistungen sind für uns klare Wachstumsthemen. Und je digitaler, desto besser. Mit »Heimo« bieten wir eine selbst weiter entwickelte Smart-Home-Lösung an, mit der unsere Kunden das eigene Haus – Heizung, Wasser, Licht – mit einer App smart und energieeffizient steuern können. Demnächst werden wir mit modularen Systemangeboten, wie beispielsweise einem Häuslbauer-Paket, das Dienstleistungen wie Energieausweis und Energieberatung beinhaltet, auf den Markt kommen.

Report: Die Trennung der gemeinsamen Strompreiszone mit Deutschland wird höhere Marktpreise bringen. Wie stark wird dies für die Salzburg AG respektive Ihre Kunden in etwa ausfallen?

Schitter: Die gemeinsame Preiszone mit Deutschland war und ist ein Erfolgsmodell, sie bietet einen liquiden, gut entwickelten Marktplatz. Ich bin gegen eine Auftrennung, weil dadurch das Problem nicht an der Wurzel gepackt wird. Der Engpass besteht in Deutschland selbst, weil es zwischen dem Norden mit gro­ßen Mengen an Winderzeugung und dem verbrauchsstarken Süden zu wenige leis­tungsstarke Stromleitungen gibt. Sollte die Trennung der Preiszone tatsächlich kommen, wird sich in Österreich vermutlich ein höherer Marktpreis einstellen. Wie groß der Preisunterschied zu Deutschland sein wird, kann man jedoch erst dann abschätzen, wenn man weiß, wie groß die frei verfügbare Grenzkapazität sein wird. Das ist derzeit aber noch offen. Konkrete Zahlen jetzt zu nennen, wäre daher unseriös.

Österreich profitiert von der gemeinsamen Strompreiszone, aber auch Süddeutschland profitiert vom gemeinsamen Markt mit Norddeutschland. Den gemeinsamen, liquiden Strombinnenmarkt wieder zu behindern und wieder viele kleine »Schrebergärten« zu bilden, ist das völlig falsche Signal, wir brauchen mehr Strombinnenmarkt und nicht weniger.

Sollte die deutsche Seite die Trennung der gemeinsamen Preiszone aber tatsächlich durchsetzen, dann ist eines ganz wichtig: Um nicht noch mehr Marktbeunruhigung zu schaffen, muss der Starttermin auf einen Jahresanfang, also den 1.1.2019 oder den 1.1.2020 gelegt werden. Im Stromhandel sind viele Verträge Jahreskontrakte, eine Trennung der Preiszone Mitte 2018, wie Deutschland es fordert, würde zusätzliche Probleme bringen.

Report: Engagiert sich die Salzburg AG zu wenig bei den Erneuerbaren, wie es die Salzburger Grünen behaupten?

Schitter: Nein, ganz im Gegenteil. In der Energiegewinnung haben wir immer ganz klar auf die erneuerbare Energien gesetzt und tun das künftig noch mehr. Allein in diesem Jahr investieren wir fast 30 Mio. Euro nur in die Modernisierung von Wasserkraftwerken, Photovoltaik- oder Biomasse- und Ökoenergie-Anlagen. Das Wasserkraftwerk Gries im Pinzgau ist gerade im Bau, auch mit Unterstützung des Landes Salzburg. 52 Mio. Euro werden hier investiert. 15 Mio. Euro wenden wir heuer allein für die Erweiterung des Kraftwerks Dießbach auf, wobei die Gesamtinvestition in Dießbach 30 Mio. Euro beträgt. Die Zukunft liegt im grünen Strom, daher investieren wir als Landesenergieversorger in neue Speicherkapazitäten beziehungsweise -technologien. Das Kraftwerk Dießbach wird mit einem innovativen Konzept mit mehreren Matrixpumpen und einem Unterbecken zu einem Pumpspeicherkraftwerk ausgebaut. Dadurch verbessern wir die Flexibilität der Anlage und schaffen einen wesentlich stärkeren Ausgleich der kurzfristig schwankenden Erzeugung von Wind- und PV-Anlagen. Damit betreiben wir bald 30 Wasserkraftwerke. Und wir bauen weiter aus. Wir werden 2017 auch wieder wesentliche Investitionen in neue PV-Anlagen tätigen, etwa mit einem Kooperationsmodell mit den Salzburger Gemeinden.

Wir wollen bis 2020, bei positiven wirtschaftlichen Voraussetzungen, den Anteil von Strom aus eigener Erzeugung um weitere zehn Prozent steigern. Das ist beim derzeitigen Strompreisniveau zugegebenermaßen ambitioniert. Aber wir reduzieren damit auch nachhaltig Emissionen. Allein das 2015 neu eröffnete Kraftwerk Fritzbach spart über 20.000 Tonnen CO2 pro Jahr ein, das modernisierte Kraftwerk Bärenwerk 53.000 Tonnen. So konnte die Salzburg AG 2015 insgesamt 55 Millionen Kilowattstunden aus den Bereichen Strom, Gas und Fernwärme einsparen.

Report: Was sind derzeit dringende Themen in der Regulierung, bei Fördersys­temen und Marktpreisen? Was sollte von der österreichischen und von der europäischen Energiepolitik besonders beachtet werden?

Schitter: Der größte Teil unsere Stromproduktion ist erneuerbar, aber der kleinste Teil unserer Erzeugung wird durch Einspeisetarife über viele Jahre hinweg gefördert. Unsere Wasserkraft ist dem Marktpreisrisiko ausgesetzt, die niedrigen Großhandelspreise sind für unsere Erzeugung nicht erfreulich. Wir fordern daher, dass alle erneuerbaren Energien gleichbehandelt werden. Alle Erneuerbaren müssen mittelfristig in den Markt integriert werden, es muss wieder ein fairer Wettbewerb möglich sein. Der Markt muss es richten.

Um die Entwicklung im regulierten Verteilernetz weiter vorantreiben zu können, ist eine ausreichende Finanzierung zu gewährleisten. Der festzulegende Finanzierungskostensatz, mit dem Netzbetreibern die Investitionen abgegolten werden, muss also entsprechend hoch bleiben. Neben einem angemessenen WACC ist aber auch der generelle Produktivitätsfaktor für den Netzbetreiber von enormer wirtschaftlicher Bedeutung. Der generelle Produktivitätsabschlag betrug in den ers­ten beiden Regulierungsperioden 1,95 Prozent, in der laufenden Regulierungsperiode beträgt dieser immer noch 1,25 Prozent. Die Diskussionen in Deutschland und Österreich sind derzeit im Gange, wobei Studien wissenschaftlich belegen, dass nach über 15 Jahren Regulierung ein genereller Produktivitätsfaktor nahezu Null gerechtfertigt ist.

Die schlechteren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wirken sich generell negativ auf die Investitionstätigkeit der Netzbetreiber und somit auf die hohe Versorgungssicherheit und Versorgungsqualität aus. Gerade die zukünftigen Herausforderungen im Verteilernetz, Stichwort Digitalisierung der Stromnetze, bedingen auch positive wirtschaftliche Anreize für die Verteilernetzbetreiber. Das muss man beachten, sonst steht die Sicherheit der Versorgung auf dem Spiel.

back to top