Gute Stimmung

"Die Hotellerie ist durch Steuern und Bürokratie stark belastet", sagt Michaela Reitterer, ÖHV. "Robuster Aufschwung über viele Länder und Branchen", sieht Marcus Scheiblecker, WIFO. "Die Hotellerie ist durch Steuern und Bürokratie stark belastet", sagt Michaela Reitterer, ÖHV. "Robuster Aufschwung über viele Länder und Branchen", sieht Marcus Scheiblecker, WIFO. Foto: Thinkstock

Noch keine Feierlaune, aber in der Wirtschaft kündigt sich langsam Frühlingserwachen an. Der zaghafte Konjunkturaufschwung wird von Investitionen und privaten Konsumausgaben getragen. Aber ist er von Dauer?

Rundherum mag die Welt Kopf stehen, Österreich tangiert das offenbar wenig. Trump und Brexit können der heimischen Wirtschaft offenbar nichts anhaben – anders lässt sich optimistische Schwung, mit dem Österreich ins neue Jahr gestartet ist, nicht interpretieren. Begonnen hatte der Wachstumsschub schon Ende des Vorjahres. Der Bank-Austria-Konjunkturindikator erreichte mit 2,2 Punkten den höchsten Wert seit mehr als fünf Jahren. Bei Konsumenten und Unternehmen ist die Stimmung erstmals seit 2014 besser als im europäischen Schnitt.

Getragen wird der Aufschwung von Investitionen und Konsumausgaben. Insbesondere der private Konsum zog infolge der Einkommensteuerreform, die seit Jänner 2016 in Kraft ist, an. Für heuer und die kommenden zwei Jahre prognostizieren die Konjunkturexperten ein BIP-Plus von je 1,5 %. Einziger Wermutstropfen: Trotz kräftigen Beschäftigungswachstums steigt auch die Arbeitslosenquote weiter an – erst für das Jahr 2019 wird leichte Entspannung erwartet.

Robuster Aufschwung
Auch in der Eurozone macht sich Optimismus breit. Die Europäische Zentralbank (EZB) erwartet für die Währungsunion ungeachtet zahlreicher politischer Risiken – in einigen europäischen Ländern stehen Wah-len an – ein stabiles Wachstum von 1,7 %. Besonders in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden zeigen alle Indikatoren nach oben. In der Industrie hellte sich die Stimmung auf, ebenso bei den Dienstleistern, im Einzelhandel, im Baugewerbe und auch bei den Verbrauchern. Das erklärt auch die recht unaufgeregte Haltung Österreichs zum bevorstehenden Brexit: Die Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland sind ungleich bedeutender, der Exportanteil nach Großbritannien verschwindend gering.

In Österreich zeigen sich laut Konjunkturklimaindex die Unternehmen im Dienstleistungssektor am positivsten gestimmt, dicht gefolgt vom Bauwesen und mit etwas Abstand der Sachgütererzeugung. »Neben der schrittweisen Verbesserung der Beurteilung der Unternehmen, die schon seit einigen Monaten zu beobachten ist, weist auch die Verteilung über viele Länder und viele Branchen auf einen robusten Aufschwung hin«, sagt Marcus Scheiblecker, stellvertretender Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO). Zumindest bis Ende des ers­ten Quartals sollte die zunehmende wirtschaftliche Dynamik noch anhalten.

Schwerpunkt Tourismus
Während sich die österreichischen Güterexporte in den Euroraum gut entwickeln, ging der Handel insbesondere mit Russland, den USA und der Türkei zuletzt zurück. Die Inlandsnachfrage könnte sich im Laufe des Jahres noch abschwächen. Viel hängt auch von Österreichs Tourismuswirtschaft ab. Sie verzeichnete in der vergangenen Sommersaison ein Rekordergebnis. Nach dem Durchhänger von 2015 spiegelte sich die positive Stimmung postwendend in der steigenden Bereitschaft für Investitionen wider. Allein die durch Förderzusagen der Tourismus-Bank ÖHT ausgelösten Gesamtinvestitionen stiegen um rund 63 % auf 662,7 Millionen Euro. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner versprach weitere Verbesserungen der Rahmenbedingungen, um die Investitionstätigkeiten weiter anzukurbeln. So soll das Budget für Investitionszusatzprämien auf 40 Millionen Euro verdoppelt werden. Zugleich wird der Haftungsrahmen der ÖHT für Tourismusförderungen auf 500 Millionen Euro verdoppelt.

Ein Schwerpunkt der heurigen Förderungen liegt in der Optimierung der Betriebsgrößen. Vor allem Häuser im Drei-Sterne-Segment mit durchschnittlich 31 Zimmern sind schwieriger wirtschaftlich zu führen als Vier-Sterne-Hotels, die im Schnitt über 49 Zimmer verfügen. »Jedes zusätzliche Zimmer verursacht so gut wie keine zusätzlichen Fixkosten, bringt aber Erträge, wenn die Nachfrage passt«, sagt ÖHT-Geschäftsführer Wolfgang Kleemann. Zudem erwarten die Gäste eine anspruchsvollere Ausstattung – für kürzere Aufenthalte greift man aber gerne auch etwas tiefer in die Tasche.

Die Aufbruchstimmung kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für jeden vierten Hotelbetrieb in Österreich nicht sehr rosig aussieht. Rund 1.250 der fast 5.000 Betriebe können sich keine Investitionen mehr leisten. Eine Marktbereinigung wäre längst überfällig, allerdings können viele Hoteliers aufgrund der hohen Schulden auch nicht einfach zusperren. Mit Dumpingpreisen versuchen sie, die Zimmer auszulasten, bis ein Privatkonkurs unausweichlich wird. Während die Umsätze in den Jahren 2010 bis 2015 um 27 % stiegen, erhöhten sich die Kosten um 29 %, erklärt Michaela Reitterer, Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung: »Es ist zehn nach zwölf.«



Drehscheibe nach Osten
Als Wirtschaftsstandort ist Österreich attraktiver denn je. Im Vorjahr siedelten sich so viele internationale Betriebe an wie noch nie. Mit 319 neuen Betrieben (plus 7 % gegenüber 2015) wurde zudem »erstmals die Schallmauer von 300 Ansiedlungen durchbrochen«, wie Mitterlehner erklärte. Insgesamt seien 2.622 neue Jobs geschaffen worden. Vor allem Unternehmen der IT- und Telekommunikationsbranche schätzen die Drehscheibenfunktion in Richtung Ost- und Südosteuropa.

Mit einem Anteil von 36 % an allen Ansiedlungen zählten deutsche Unternehmen zu den stärksten Investoren. Auch China, die Schweiz und Slowenien zeigten großes Interesse. So errichtete CETC, eines der größten Energietechnik- und IT-Unternehmen Chinas, in Graz seine Europazentrale. Der deutsche Maschinenbauer Bekum verlegte die Produktion samt Montage, Einkauf, Arbeitsvorbereitung und Lager nach Traismauer.

Auch in den Rankings geht es wieder nach oben: Das World Economic Forum listet Österreich im Bereich Wettbewerbsfähigkeit unter 140 Ländern auf Platz 23.

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