Der komplette Nachbericht zum Podiumsgespräch: Hybrid - Nische oder Massenmarkt?

Podiumsdiskussion zum Thema Hybridfahrzeuge im Wien Energie Kundendienstzentrum in der Spittelau. Podiumsdiskussion zum Thema Hybridfahrzeuge im Wien Energie Kundendienstzentrum in der Spittelau. Foto: Milena Krobath

2015 könnte das Jahr werden, in dem die Hybridtechnologie endgültig zum Siegeszug ansetzt, ist in letzter Zeit oft zu hören. Noch nie zuvor waren so viele Modelle am Markt oder standen unmittelbar vor der Markteinführung. Über das Zukunftspotenzial der Technologie wurde auf Einladung von Report(+)PLUS im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Wien Energie Kundendienstzentrum an der Spittelauer Lände diskutiert.

    

Während im parallel laufenden Motorensymposium in der Wiener Hofburg davon ausgegangen wurde, dass der Verbrennungsmotor auch in Zukunft die dominante Rolle bei Fahrzeugantrieben spielen wird, nähert sich Report(+)PLUS dem Thema von der anderen Seite. Im Rahmen einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion wurde die Frage gestellt, ob Hybrid- und Elektroantriebe das Potenzial für einen Massenmarkt haben oder auch in Zukunft ein Nischenthema bleiben werden. Im Gespräch: Jürgen Halasz, Leiter der Abteilung für energieeffiziente Lösungen und Elektromobilität bei Wien Energie; Andreas Dangl, Vorstandsvorsitzender der W.E.B. Windenergie; Renato Eggner, Geschäftsführer bei Raiffeisen Leasing Fuhrparkmanagement; Friedrich Sommer, PR-Manager bei der Denzel Autoimport GmbH; Sebastian Obrecht, Pressesprecher ARBÖ.

(+) Plus: In welcher Rolle sehen Sie einen Energieversorger wie Wien Energie bei Verkehrsthemen?

Jürgen Halasz:
Elektromobilität ist für Wien Energie ein zentrales Thema. Nicht zuletzt durch das Energieeffizienzgesetz, das uns Energieversorger dazu verpflichtet, Effizienzmaßnahmen bei unseren Kunden umzusetzen. Elektromobilität ist eine dieser Maßnahmen, die anrechenbar ist und einen Teil dazu beitragen kann, die geforderten Einsparungen in der Höhe von 0,6 Prozent der Energielieferungen zu erreichen.

(+) Plus: Die Akzeptanz von Hybridfahrzeugen hängt auch stark von der zu Verfügung stehenden Lade- und Tankinfrastruktur ab. Wie ist dazu die Situation in Öster­reich, insbesondere in Wien?

Halasz:
Das Problem in Wien ist, dass es zwar sehr viele Ladestationen gibt, diese aber nicht sichtbar sind. Es ist eine politische Entscheidung. In Wien wird zu Recht auf den öffentlichen Verkehr gesetzt, deshalb wird die Ladeinfrastruktur auch nicht im öffentlichen Raum installiert wie das in anderen Städten der Fall ist. Fakt ist, dass in den letzten Jahren über 400 Ladepunkte in Wien errichtet wurden. Und wir werden weiter gemeinsam mit Partnern wie der Spar-Gruppe an der flächendeckenden Versorgung arbeiten. 

(+) Plus: Vor welchen Herausforderungen steht W.E.B im Energiemarkt? Welche Rolle spielen Elektromobilität und Hybridtechnologie in Ihrem Unternehmen?

Andreas Dangl:
Die W.E.B. ist im Regenerativenergiemarkt tätig. Deshalb beschäftigt man sich natürlich mit diesen Themen. Das zeigt sich unter anderem auch daran, dass wir vor rund drei Jahren begonnen haben, unseren Fuhrpark von Hybridfahrzeugen auf reine Elektromobilität umzustellen. Daraus ist die Ella AG entstanden, deren Ziel es ist, innerhalb von zwei Jahren flächendeckend in Österreich Schnellladestationen zu errichten. Denn auch wir sind überzeugt, dass der Erfolg der Elektromobilität mit der Ladeinfrastruktur steht und fällt.

Mit dem Umstieg auf reine Elektromobilität ist auch ein Lernprozess verbunden. Ich persönlich fahre seit einem Jahr nur noch elektrisch und habe gelernt, mit den verfügbaren Kilometern umzugehen. Ich verstehe aber auch, dass man schnell nervös werden kann, wenn man den Verbrennungsmotor gewöhnt ist und plötzlich nach 50 Kilometern die Meldung kommt, dass der Akku zu Hälfte leer ist. Damit umzugehen, muss man erst lernen.

(+) Plus: Ist für diese nervösen Menschen der Hybridantrieb die ideale Brü­ckentechnologie?

Dangl:
Ich war aufgrund der fehlenden Infrastruktur lange Zeit überzeugt, dass es Hybridantriebe und Range Extender als Brückentechnologie braucht.  Aber das sehe ich heute etwas anders. Man kann auch bis Hamburg elektrisch fahren, ich habe das schon gemacht. Und ich kann Ihnen sagen, es ist ein gutes Gefühl, wenn man dann zu Hause ankommt und weiß, dass man für diese Fahrt nicht drei große Fässer Erdöl verbrannt hat. Aber ich habe lernen müssen, dass nicht alle so denken und fühlen wie ich, und deshalb sehe ich auch, dass für viele Menschen der Hybridantrieb eine sehr gute Brückentechnologie ist.

(+)Plus: Wie ist die Nachfrageentwicklung nach alternativen Antrieben und Hybriden bei Unternehmen?

Renato Eggner:
Die Nachfrage wächst kontinuierlich. Der von Raiffeisen-Leasing gemanagte Fuhrpark besteht bereits zu zwölf Prozent aus alternativ betriebenen Fahrzeugen. Davon sind 92 Prozent  elektrische Fahrzeuge. Ein Drittel aller neu zugelassenen Elektrofahrzeuge wird von uns gemanagt und über uns abgewickelt.
Alternative Antriebe sind aber deutlich erklärungsbedürftiger als konventionell betriebene Fahrzeuge. Da muss man viel genauer auf das Fahrprofil und die Einsatzgebiete der Fahrzeuge achten.

(+) Plus: Wo liegen die Schwerpunkte der Geschäftstätigkeit bei Denzel? Welche Fahrzeugmarken haben Sie im Sortiment – welche alternativen Antriebe und Hybridmodelle sind aktuell dabei?

Friedrich Sommer: Wir haben ein Portfolio von 18 Marken, da sind auch zahlreiche Hybrid- und Elektrofahrzeuge dabei, etwa von BMW, Volvo, Mitsubishi oder Range Rover. Wir haben aber auch Marken im Angebot, die über andere Alternativantriebe verfügen wie etwa Hyundai mit dem Brennstoffzellenfahrzeug iX35 oder Fiat Professional mit Erdgasfahrzeugen.

(+) Plus: Wie entwickelt sich der Markt der Hybridfahrzeuge?

Sommer:
Derzeit eher schleppend, das muss man ganz ehrlich sagen. Ich bin aber überzeugt, das sich das mittelfristig durch die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die richtigen Förderungen ändern wird. Wie es funktionieren kann, zeigen internationale Vorbilder wie etwa die Niederlande. Dort gibt es großzügige Förderungen, dann stimmen auch die Zulassungszahlen. Wenn Österreich in Sachen Förderungen nachzieht, wird auch bei uns die Marktdurchdringung deutlich höher sein.

(+) Plus: Wie ist die Akzeptanz von Alternativantrieben und insbesondere Hybridfahrzeugen bei den Nutzern?

Sebastian Obrecht:
Die Akzeptanz ist natürlich gegeben. Wir als Interessensvertretung sind auch bestrebt, das Thema Alternativantriebe weiter voranzutreiben. Der Gesetzgeber hätte im Zuge der derzeitigen Diskussion zur Steuerreform die Möglichkeit, Autos mit alternativen Antrieben einen zusätzlichen Push zu geben, indem nicht nur E-Fahrzeuge sondern auch Hybridfahrzeuge von der Sachbezugsregelung ausgenommen werden. Dann würden mit Sicherheit mehr Personen Hybridfahrzeuge kaufen, die in der Anschaffung ja leider noch immer teurer sind als konventionell betriebene Autos.
Ich glaube aber auch, dass das Wissen und die Vorteile um die verschiedenen Antriebsformen in der breiten Öffentlichkeit nicht so vorhanden sind, wie es nötig wäre. Wir diskutieren hier über Voll-Hybrid, Plug-in-Hybrid und Range Extender. Ich denke nicht, dass die Unterscheidungsmerkmale weitläufig bekannt sind. Da gilt es noch sehr viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

(+) Plus: Herr Halasz, Sie sind auch Präsident des BEÖ, des Bundesverbands Elektromobilität Österreichs. Was sind die Ziele des BEÖ? Was ist Ihr Auftrag?

Halasz:
Der BEÖ ist ein Zusammenschluss von elf Energieversorgungsunternehmen, die alle über eine Ladeinfrastruktur verfügen. Aufgabe des BEÖ ist die Harmonisierung und Zusammenschaltung dieser Insellösungen. Da geht es auch um Förderungen für die Errichtung der Infrastruktur und die Bedingungen, die an diese Förderungen geknüpft sind. Und es geht darum, wie Vorgaben der EU in nationale Gesetze zu gießen sind. Auch beim Energieeffizienzgesetz ist noch vieles offen in Zusammenhang mit Elektromobilität. Aufgabe des Verbands ist hier, beratend tätig zu sein und mit Know-how zu unterstützen.

(+) Plus: Ein Schlüsselthema der Energiewende und des zunehmenden Angebots der Erneuerbaren ist das Speichern von Energie. Die Diskussion dazu gibt es ja schon länger, ist man hier weitergekommen?

Dangl: Man hat gelernt, dass der Lithium-Akku richtig angewendet und richtig gemanagt eine deutlich höhere Zyklenfestigkeit hat als ursprünglich angenommen. Und die weltweite Elektromobilität hat auch dazu geführt, dass die Zellen für die Lithium-Akkus in so hoher Stückzahl produziert werden, dass sie jeden Monat um ein Prozent billiger werden. Das große Potenzial der Akku-Technologie zeigt sich auch daran, dass Branchen-Primus Tesla seine Technologie jetzt auch für Haushaltsanwendungen zur Verügung stellt. Ich bin davon überzeugt, dass Autos in Zukunft als atmende Elemente in der Garage stehen werden. Da sind einige Hersteller sehr innovativ unterwegs. Damit können Autos am Lastmanagement der Energiewirtschaft teilhaben. Ein deutsches Start-up hat dazu ganz aktuell Simulationsberechnungen durchgeführt und ist zu dem Schluss gekommen, dass der Nutzer damit pro Jahr rund 1.000 Euro verdienen kann. Die Fortschritte in der Akkutechnologie werden eine Revolution auslösen, die laut Experten mit der Einführung des Computers verglichen werden kann.

(+) Plus: Herr Eggner, wenn Sie die Gesamtkosten der verschiedenen Antriebe vergleichen – welche Fahrzeuge schneiden am besten ab?

Eggner:
Darauf kann man keine pauschale Antwort geben. Man muss sich den jeweiligen Einsatzzweck eines Fahrzeugs ganz genau ansehen. Dazu gibt es jede Menge Berechnungsparameter. Aber natürlich gibt es auch allgemeine Richtlinien. Benzin ist vor allem in der Kleinwagenklasse für kurze Strecken sinnvoll, Diesel ab der Kompaktwagenklasse und ab 15.000 Kilometern im Jahr. Bei Erdgas braucht man eine jährliche Kilometerleistung von etwa 20.000 Kilometern.
Bei Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge kommt es ganz maßgeblich auf Fahr- und Streckenprofil an. Der teuerere Anschaffungswert lässt sich nur über geringere Betriebskosten kompensieren.  Die Fahrzeuge sind also dann günstiger, wenn sehr viel elektrisch gefahren wird. Auch beim vollelektrischen Fahrzeug muss man ganz genau schauen, wie das Einsatzgebiet ist. Wenn die Reichweite passt, dann ist das sicher eine ideale Lösung.

(+) Plus: Herr Sommer, was sind aus Ihrer Sicht die Argumente für den Kauf eines Hybridfahrzeugs? Welche Kunden greifen zum Hybrid?

Sommer:
Das sind in erster Linie Kunden, die bestens informiert sind und sich auch gerne als Elektropioniere sehen. Viele davon produzieren mit ihrer eigenen Photovoltaikanlage den Strom für die Plug-ins. Während früher die Elektromobilität rein auf den urbanen Bereich beschränkt war, kommen heute viele Hybridfahrer aus dem Umland. Die wollen zwar die Sicherheit eines Hybridautos, fahren aber so viel wie möglich elektrisch. Wir bei Denzel bekommen auch Anrufe von Kunden, die ihren Urlaub in Italien planen und uns fragen, wo sie am besten aufladen können. Am meisten wird sich aber im Bereich der Unternehmensflotten ändern. Mit den neuen CO2-Regelungen kann richtig Geld eingespart werden. Natürlich muss das Fahrprofil stimmen, sonst wird es eine Katastrophe.


Hintergrund:
Im April lud Report(+)PLUS heimische Top-Führungskräfte zu einem exklusiven Testnachmittag mit sechs aktuellen Hybridfahrzeugen: Audi A3 e-tron, Kia Optima, Lexus NX 300h, Mitsubishi Outlander PHEV, Porsche Cayenne S und Range Rover Sport. Eine ausführliche Nachberichterstattung finden Sie in der Aprilausgabe von Report(+)PLUS ab Seite 36. Hier geht’s zum E-Paper. 

Last modified onDienstag, 02 Juni 2015 12:37

Media

{YouTube}XtQ5AkxfPEo{/YouTube} Report Verlag/Bernhard Schojer
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