Frauen ante portas

Frauen ante portas

Erneuerbare Energien schaffen gute Karriere­chancen für Frauen. Vorurteile sind so gut wie nicht vorhanden – das muss genutzt werden. Der Energie Report hat im letzten Teil der »Women Power«-Serie mit sechs Frauen aus den Bereichen Forschung, Bildung und Technik gesprochen.

Atanaska Trifonova

Principal Scientist, AIT

Die Frage nach dem »Warum« ist die Triebfeder im Leben von Atanaska Trifonova. »Wissenschafter müssen neugierig sein.« Die 50-jährige gebürtige Bulgarin ist am AIT der erste weibliche Principal Scientist. Mitte 2013 übernahm sie die Themenkoordination für elektrische Energiespeicher und leitet seither die Batterieforschungsgruppe, die an der Entwicklung leistungsfähigerer Lithium-Ionen-Batterien arbeitet, etwa durch neue Elektrodenmaterialien. Geforscht wird auch an der Lithium-Luft- und der Magnesium-Batterie. »Bei Letzterer arbeiten wir im Grundlagenforschungsstadium«, betont Trifonova, deren Aufgabenbereich zusätzlich die elektrochemische Energiespeicherung, Nanotechnologie und Elektrochemie umfasst.

»Die Batterieentwicklung ist ein sehr vielfältiges und komplexes Thema und damit eine große Herausforderung für die Wissenschaftler. Ich liebe komplexe Fragestellungen.« Wann sie die Begeisterung für Chemie erfasst hat, kann sie nicht sagen. »Im Gymnasium hat mich Literatur begeistert. In der letzten Klasse habe ich freiwillig ein Chemiepraktikum gemacht und die lebendige Seite der Chemie kennengelernt.« Das hat sie enorm in ihrer Entscheidung für ein Chemiestudium bestärkt. »Ich wollte aber nicht einfache, sondern industrielle Chemie studieren und habe mich für die Fachrichtung anorganische und elektrochemische Produktionstechnologie entschieden, die einen sehr breiten Themenkomplex bietet.«

Ihre Karriere hat Trifonova an der Akademie der Wissenschaften in Sofia gestartet, in einer Forschungsgruppe rund um die Lithium-Ionen-Technologie. Über ein Ernst Mach-Stipendium kam sie zu Professor Jürgen Besenhard, einem führenden Experten dieser komplexen Technologie, an die TU Graz, wo sie auch ihr Doktoratsstudium abschloss. Heute bearbeitet sie mit ihrem Team die gesamte Produktionskette von Material- und Zelldesign bis zur System­ebene. Ihre persönliche Energie tankt Trifonova in der Natur beim Wandern oder Radfahren.


Iris Bauer

Advanced Operator, W.E.B.

»Fehlende Akzeptanz war bei mir nie ein Problem«, blickt Iris Bauer auf ihre bisherige Technikkarriere zurück. Die 24-Jährige ist derzeit bei W.E.B. als Advanced Operator in der Leitzentrale für die Fernüberwachung und Steuerung von Wind-, Wasser- und PV-Kraftwerken, für das Störungsmanagement und die Fehlerfrüherkennung verantwortlich. »Technisches hat mich schon immer interessiert.« Daher hat die Niederösterreicherin ihre Ausbildung auch an der HTL St. Pölten, Fachrichtung Maschinenbau und Automatisierungstechnik, absolviert. Ihren ersten Technikjob bekam sie in einem Konstruktionsbüro für Spritzgussmaschinen. Bei W.E.B. gefällt ihr die abwechslungsreiche Tätigkeit, die vom Maschinenbau über Elektrotechnik bis zu Programmieren reicht. Besonders interessant sind für sie technische Begehungen der Windkraftanlagen. »Die Anlagen in natura zu sehen, beeindruckt und motiviert mich, man kann sich dann mehr vorstellen.« In ihrer Freizeit ist sie engagierte Feuerwehrfrau, sie liebt Motorradfahren und geht gerne mit Freunden aus.


Doris Banner

Fachberaterin, "Die Umweltberatung"

»Energie ist das Thema von heute und von morgen. Mir macht es Spaß, einen Beitrag zum effizienten Umgang mit Energie zu leisten«, begründet Doris Banner ihr Engagement für »die umweltberatung«. Die Beratungsorganisation beschäftigt sich mit nachhaltigem Wirtschaften in Organisationen, Betrieben und in der Verwaltung. »Es braucht viel persönliches Engagement für eine Reduktion des Energieverbrauchs. Das beginnt bereits zu Hause, zum Beispiel bei der Urlaubsplanung.« Die 55-jährige Niederösterreicherin zeigt eine Alternative zu langen Flügen auf. »Ich war schon zwei Mal mit der Bahn in der Bretagne.«

Auch im Alltag verzichtet sie nicht auf Öffis und fährt täglich mit dem Regionalzug in die Arbeit. »Das finde ich sehr entspannend, weil ich nicht im Stau stecke.« Für die einstündige Fahrzeit hat Banner immer etwas zu lesen mit und stimmt sich auf den Arbeitstag ein. Am Tag des Gesprächs mit dem Energie Report arbeitete sie an einem verzwickten Kreuzworträtsel. Problemlos sind dagegen ihre beiden Kinder – 14 und 16 Jahre. »Sie sind nicht immer begeistert von meinen Vorgaben, lernen aber nach und nach, mit Energie sorgsam umzugehen.« Bei »die umweltberatung« ist Banner vor allem mit MultiplikatorInnen-Schulungen zu Energiethemen befasst. Mit dem energie-führerschein und dem energie-führerschein Coach werden Jugendlichen und Erwachsenen Energiethemen nähergebracht. Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe im Auftrag von Ökobusiness Wien und der Wiener Wirtschaftskammer berät sie Unternehmen über mögliche Energieeinsparungen. Viel zu erreichen sei auch durch energiebewusste Architektur. Hier gebe es viele Berührungspunkte.

Ihre Entscheidung für diesen Karriereweg bereut Banner nicht. »Ich habe mich bereits während meines Architekturstudiums an der TU Stuttgart intensiv mit solarem Bauen beschäftigt.« Danach stand Lebensraumoptimierung auf dem täglichen Aufgabenplan – die Feng-Shui-Raumanalyse begleitet sie noch heute. Ihre persönliche Energie findet Banner vor allem in der Musik. »Ich spiele Klavier und singe in einem Chor. Ich male auch sehr gerne.« Weiters liebt Banner auch die Arbeit in ihrem Garten.


Helga Kromp-Kolb

Klimatologin und Professorin, Universität für Bodenkultur Wien

Auf das Gespräch mit Univ.-Prof. Helga Kromp-Kolb musste der Energie Report einige Wochen warten. »Mit zunehmendem Alter ist man in vielen Gremien und Sitzungen, wo allein die Erfahrung zählt«, erklärt Kromp-Kolb, derzeit Leiterin des Zentrums für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit sowie stellvertretende Leiterin des Instituts für Meteorologie an der Universität für Bodenkultur in Wien. »Man kann nicht einfach jemand anderen entsenden.« Die 69-Jährige ist Vorsitzende im Forum Wissenschaft und Umwelt, Mitglied in der Allianz Nachhaltiger Universitäten und im Klima- und Energiefonds aktiv. Daneben hält sie zahlreiche Vorlesungen an der BOKU und ist an vielen Abenden als Vortragende unterwegs.

»Ich möchte das nicht missen, sage selten nein – viel zu selten für meinen Mann«, schmunzelt sie. »Es ist aber heute die Verantwortung eines jeden, nach Kräften zu einer Transformation der Gesellschaft beizutragen.« Ein wesentlicher Punkt, der für sie viel zu wenig beachtet wird, sind die mit den Erneuerbaren verbundenen Risken. »Zu sagen, Erneuerbare sind jedenfalls super und alles ist sicher, ist unehrlich und diskreditiert die betreffende Energieform.« Man müsse sich der Gefahren bewusst werden und präventiv handeln, etwa die Dimensionen an die Resilienz der Ökosysteme anpassen oder Windräder so positionieren, um auftretenden Eisfall schadenfrei zu halten. Für die Versorgung der bald elf Milliarden Menschen auf der Welt brauche es aber nicht nur die Änderung der Energieträger, weg von fossil, es bedarf der Effizienz und der Prüfung des Bedarfs. Für die Klimatologin bedeutet das unter anderem zukunftsfähige Raumplanung, die Reduktion von Stand-by, Öffi und Rad statt Auto und PV-Anlagen auf Mehrparteienhäusern. Die kleine Ökostromnovelle von Ende Juni erlaubt erstmals gemeinschaftliche PV-Erzeugungsanlagen im mehrgeschoßigen Wohnbau.

Die nächsten Monate bringen einen Wandel für Kromp-Kolb. »Meine Laufbahn an der BOKU neigt sich dem Ende zu.« Für die Zeit danach macht sie sich allerdings keine Sorgen. »Es gibt noch sehr viel Interessantes zu lernen.« Die Vortragstätigkeit wird auch nicht vorbei sein. Der Bedarf an Entschleunigung bleibt sicher aufrecht. Diesen stillt sie beim Wandern in Tirol und beim Kneippen in Purgstall. »Man hetzt dort nicht von einer Anwendung zur nächsten«, betont sie und blickt dabei auf ihren vollen Terminkalender.


Michaela Leonhardt

Öko- und Energiewirtschaftliche Prognosen, APG, Vorsitzende, "Femove"

Neugierde auf die Zukunft ist für sie die treibende Motivation. Michaela Leonhardt, Expertin für Erneuerbare Energien bei APG und Vorsitzende von femOVE, dem Netzwerk für Frauen aus Elektrotechnik, Informationstechnik und Energiewirtschaft, erkennt einen gesellschaftlichen Wandel durch Erneuerbare Energien. Dieser betrifft die Entscheidung für erneuerbar, für neue Speichertechnologien, Digitalisierung und neue Ansätze zur Versorgungssicherheit. »Innovation und neue Technologien schaffen eine Einstiegschance für Frauen, geschichtliche und soziale Vorurteile sind hier nicht vorhanden.« Frauen müssten auch in diesem Sektor noch sichtbarer werden. Der Energie Report hat Michaela Leonhardt zu Hause erreicht. Sie ist derzeit in Mutterschutz-Karenz, ihre Tochter ist vier Monate alt. Beim Thema Nachwuchs fällt das Schlagwort Girls! TECH UP, die Nachwuchsinitiative von femOVE. »Wir sprechen Schülerinnen an, um früh das Interesse für Berufe in der Elektrotechnik und Informationstechnik zu wecken und damit verbundene Chancen und Möglichkeiten aufzuzeigen.«

Ihr persönliches Interesse für Technik wurde durch ihre Eltern gefördert. »Ich habe an der Karlsuni in Prag in Mathematik promoviert. Ursprünglich wollte ich dieses Fach auch unterrichten, mich hat dann aber die Kombination von Mathematik und Technik interessiert und so habe ich mich bei der APG beworben.« Zugleich absolvierte sie an der TU in Wien das postgraduale Studium Renewable Energy. Leonhardt ist bei APG für Erzeugungsprognosen rund um Erneuerbare Energien verantwortlich, sie entwickelt Algorithmen für Stromerzeugungsprognosen, für Windenergie ebenso wie für Kleinwasserkraftwerke und PV-Anlagen. Auch ins Private begleiten sie die Erneuerbaren: »Wir installieren derzeit eine Stromtankstelle in unserer Garage, um in Zukunft elektrisch unterwegs zu sein.«


Lisa Lackner

Projektleiterin, Wien Energie

Wind gehört für die 34-jährige Lisa Lackner zum Alltag – sie ist Projektleiterin bei Wien Energie und arbeitet derzeit an den beiden Windparks in Oberwaltersdorf und Ebreichsdorf. In ihrer Freizeit wünscht sich die leidenschaftliche Rennradfahrerin möglichst wenig Wind. Wind als dynamische Kraft hat sie bereits während ihrer Ausbildungszeit fasziniert. »Ich habe Betriebswirtschaft studiert und war dann bei der EVN zuerst im Produktmanagement tätig, gefolgt von der Sparte Kleinwindkraft.« In dieser Zeit wurde ihr der Aufbau des Energieerlebnisparks in Lichtenegg übertragen. »Danach habe ich nachhaltige Energiesysteme studiert.« Ihr Ziel war die Mitgestaltung großer Windkraftprojekte, was ihr bei Wien Energie möglich ist. Der Windpark Oberwaltersdorf soll ab Herbst 19,8 MW liefern, 27 Millionen Euro werden investiert. »Als Projektleiterin trage ich die Verantwortung von der Erstplanung bis zur Umsetzung.«

In Oberwaltersdorf arbeitet sie bei Vestas mit einer Projektleiterin zusammen, was Lackner als äußerst selten bewertet. In diesem Zusammenhang erinnert sie sich an ihre ersten Projekte: »Am Anfang haben sich die Männer manchmal gefragt, ob ich die Sekretärin oder die für das Projekt zuständige Technikerin bin. Ich habe immer gut klarstellen können, was meine Rolle ist«, betont die gebürtige Oberösterreicherin, die jetzt in der Hinterbrühl lebt. Lackner bezeichnet sich selbst als sehr energiegeladen. Energie benötigt Lackner auch für ihre gesellschaftlichen Aufgaben – sie ist Gemeinderätin in der Hinterbrühl.

Last modified onDienstag, 10 Oktober 2017 11:59
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