Atomkraft fürs Klima?

Atomkraft fürs Klima?

Wenn fossile Energieträger aus Gründen des Klimaschutzes weniger zur Energieerzeugung beitragen sollen, könnte die von vielen ungeliebte Atomkraft wieder wichtig werden – mit neuen und alten Gefahren.

Eine neue TV-Serie sorgt für Zeitgeschichteunterricht in den Wohnzimmern der Welt: In der Miniserie »Tschernobyl« des renommierten US-Senders HBO wird die größte Reaktorkatas­trophe der Geschichte minutiös und mit allen Details dramatisch nacherzählt.

Wie am 26. April 1986 das Kernkraftwerk in der Ukraine außer Kontrolle geriet, wie die Sowjetunion zuerst verharmloste, abstritt und schwieg und dann in Rettungsaktionen unter unfassbarem Einsatz der Leben tausender Menschen versuchte, Europa und der Welt haarscharf eine noch weitaus tödlichere Katastrophe zu ersparen – all das ergibt ein TV-Erlebnis, das nahe geht.

Und es kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Atomkraft nach Jahren im gesellschaftlichen Out wieder Relevanz gewinnt. Ausgerechnet Schweden, Heimatland der inzwischen berühmten Klimaaktivistin Greta Thunberg, prescht als Fürsprecher der Energiegewinnung durch Kernkraftwerke voran. »Klimasmart« sei Atomenergie, argumentieren die bürgerlichen oppositionellen Parteien »Moderaten« und »Christdemokraten« für eine Verdoppelung des EU-Budgets für Atomkraft. Acht Reaktorblöcke laufen in dem skandinavischen Land, vierzig Prozent seiner Energie deckt Schweden mit Kernkraft.

Gefährliche Mischung

Als verlässliche und vor allem von den Fluktuationen erneuerbarer Energiequellen unbeeinflusste Energiequelle habe Atomkraft im CO2-neutralen Energiemix der Zukunft eine bedeutende Rolle zu spielen, argumentieren manche.  Der bereits einsetzende Klimawandel und ein Stromnetz, das den Schwankungen erneuerbarer Energiequellen ausgesetzt ist, lässt allerdings genau diesen Mix gefährlich werden.

Einen Ausblick darauf bot vor kurzem einer der größten Blackouts der Geschichte in Südamerika. In Argentinien, Uruguay und Teilen der Nachbarländer brachen aus noch nicht restlos geklärten Gründen Teile des Stromnetzes Mitte Juni völlig zusammen – den ganzen 16. Juni lang waren 48 Millionen Menschen teilweise oder ganz ohne Stromversorgung. Der »Worst Case Blackout« war vermutlich durch ungewöhnlich starke Regenfälle ausgelöst worden und hatte neben vielen anderen drastischen Konsequenzen auch die Abschaltung dreier argentinischer Kernkraftwerke zur Folge.

Eine außerplanmäßige Abschaltung von Atomreaktoren ist allerdings keine Bagatelle: Bei Tschernobyl war es der Versuch, einen vollständigen Ausfall der externen Stromversorgung des Kernreaktors zu simulieren, der gemeinsam mit einer Reihe anderer Fehler zur Kernschmelze führte, und auch in Fukushima war die vollständige Unterbrechung der Stromversorgung die technische Ursache für den Super-GAU.

Geschehen ist in Argentinien nichts – diesmal. Atomkraftwerke mögen CO2-neutrale Energielieferanten sein; in Stromnetzen, die mit den Schwankungen erneuerbarer Energien ohnedies wackelig sind, sind sie allerdings nicht die Lösung, sondern eine zusätzliche Gefahr.

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