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Erneuerbare auf eigene Kosten

Foto: »Die ersten Windräder in den 90er-Jahren wurden nur über Beteiligungen finanziert«, berichtet Martin Fliegenschnee-Jaksch von IG Windkraft. Foto: »Die ersten Windräder in den 90er-Jahren wurden nur über Beteiligungen finanziert«, berichtet Martin Fliegenschnee-Jaksch von IG Windkraft.

Das Energiegeschäft in die eigene Hand zu nehmen, boomt. Privatpersonen beteiligen sich schon länger in Photovoltaik und Windkraft. Auch Unternehmen erkennen erneuerbare Energien als Branche mit stabilen Erträgen.

Während die Kosten der fossil-nuklearen Energiewirtschaft in den nächsten zehn bis 20 Jahren weiterhin dramatisch steigen dürften, sinken diese für die erneuerbaren Energien erwartungsgemäß wie in den vergangenen Jahren weiter. Immer mehr Bürger­Innen, Unternehmen und Kommunen nehmen das Energiegeschäft nun in die eigene Hand. Sie beteiligen sich finanziell an Windenergie, installieren Solarpaneele, betreiben Biomasseanlagen, errichten Geo­thermiekraftwerke und reaktivieren kleine Wasserkraftwerke.

Jürgen Schneider, Energieexperte des Umweltbundesamtes, nennt die allgemeinen Gründe für die Beteiligung am erneuerbaren Energiemarkt: »Die einen steigen aus ethischen Gründen ein, um den Klimawandel nicht weiter voranzutreiben. Die anderen wollen das Risiko fossiler Energien vermeiden und entscheiden sich für Veranlagungen mit einer vergleichsweise hohen Rendite.« Die Nachfrage nach Beteiligungsmodellen ist enorm – das angebotene Volumen ist meist nach wenigen Tagen vergriffen. Ein Beispiel von Wien Energie: 5.000 Anteile an zwei Windrädern waren innerhalb von vier beziehungsweise sieben Minuten vergeben. Wind und PV dominieren die Beteiligungsmodelle. Laut IG Windkraft sind 60 Prozent aller Windräder in privater Hand. Bei Wasserkraftwerken sind Beteiligungsmodelle nicht so stark ausgeprägt.

Hier gibt es laut Wien Energie aber Gemeindebeteiligungen, die als lokale Eigentümer partizipieren. Im ­Biomassesektor fehlen Beteiligungen ebenso wie im Bereich Kleinwasserkraft. Antonio Fuljetic-Kristan vom Österreichischen Biomasseverband zeigt auf, dass die Kalkulation bei Biomasseanlagen wesentlich schwieriger ist als bei PV-Anlagen, weil der Wärmebezug variieren kann und Preise vor allem im Einkauf sowie Einnahmen schwanken. Garantierte Renditen seien schwer zu garantieren. Das schreckt weniger fachlich versierte Investoren ab. Zum Thema Kleinwasserkraft: »Vermutlich liegt dies an der historisch gewachsenen Struktur. Oftmals waren Mühlen, Sägewerke oder Schlossereien nachgelagert«, betont Paul Ablinger, Geschäftsführer Kleinwasserkraft Österreich. Es gebe vereinzelt Anfragen, meist von Gemeinden, die bei Querbauwerken erhaltungspflichtig sind.

Von klein  …

Vielfach sind die Beteiligungen Privatpersonen vorbehalten. Beate Zöchmeister von WEB Windenergie erklärt: »Die heutige W.E.B hat sich 1994 aus mehreren Unternehmen heraus entwickelt. Ihnen gemeinsam ist, dass sie aus Bürgerinitiativen entstanden, die Windstrom in der Region erzeugen wollten.« Die W.E.B. befindet sich heute im Streubesitz von rund 3.700 Aktionären, institutionelle Investoren sind die Ausnahme. Auch Wien Energie, die seit 2012 Beteiligungsmodelle anbietet, spricht explizit Privatpersonen an. »Wir adressieren ganz bewusst Einzelpersonen, die zum Beispiel als Stadtbewohner nicht die Möglichkeit haben, selbst Solarstrom am eigenen Dach zu erzeugen.«

Windkraft Simonsfeld ist vor 20 Jahren ebenfalls als Bürgerbeteiligungsmodell gegründet worden. »Man wollte der Ortsbevölkerung die Möglichkeit zur Beteiligung in Form von Kommanditanteilen geben«, informiert Winfried Dimmel. Mit dem Wachstum wurde schnell klar, dass das Interesse über die Gemeindegrenzen hinausging. Heute ist die Windkraft Simonsfeld eine außerbörsliche Aktiengesellschaft mit 1.800 AktionärInnen, davon 30 kleine und mittelgroße Unternehmen, und einem Handelsplatz auf der Website des Unternehmens. »Jährlich wechseln hier Anteile im Volumen von zwei Millionen Euro ihre Eigentümer. Damit sind wir kein primäres Ziel für große Investoren«, so Dimmel. 2018 werden elf Windkraftwerke der 3-MW-Klasse errichtet, sechs Anlagen kommen 2019.

Aktien bietet auch die oekostrom AG an. »Aktuell werden Aktien im Wert von 40.000 Euro auf unserem Handelsplatz angeboten«, berichtet Vorstand Lukas Stühlinger. Im Laufe des Jahres werden weitere unter anderem für ein Windkraftprojekt auf der Parndorfer Platte ausgegeben. Direktbeteiligung an Projekten bietet oekostrom AG keine an. »Um die Unabhängigkeit zu bewahren, gibt es bei uns eine Stimmrechtsbeschränkung auf 15 Prozent«, betont Stühlinger.

…  über mittel …

Ein größeres Veranlagungsvolumen kann etwa bei PV–Invest eingebracht werden. Das Kärntner Unternehmen betreibt Solarprojekte unter anderem in Italien, Spanien, Bulgarien und Rumänien. »Wir wollen Investoren ansprechen, die nachhaltig denken«, sagt Firmengründer Günter Grabner. PV-Invest richtet sich mit einer hohen Stückelung an Unternehmer. Bei der ersten Anleihe im Jahr 2009 lag diese bei 50.000 Euro. Aufgrund der guten Annahme wurde die Stückelung der Folgeanleihe 2016 auf 1.000 Euro festgelegt.

Unternehmen ebenso wie Private sind die Zielgruppe von Kärnten Solar. Geschäftsführer Michael Jaindl blickt auf seine Investoren. »Wir arbeiten mit einer bunten Gruppe von KMU, es sind regionale Betriebe. Unterstützt werden wir auch von den Partnern, auf deren Liegenschaften wir die Anlagen errichten.« Kärnten Solar spezialisiert sich auf die Eigenversorgung von Gewerbebetrieben und kommunaler Infrastruktur. »Für heuer planen wir die Neuerrichtung von 5 MWpeak«, betont Michael Jaindl.

 …  bis groß

Green Bonds sind die Lösung bei großen Veranlagungswünschen. Die Energiewende braucht laut der Internationalen Energieagentur IEA bis 2050 Investitionen von nahezu einer Billion Euro. Green Bonds finanzieren Klimaschutzprojekte wie den Bau energieeffizienter Gebäude, die Förderung von Windkraft und Photovoltaik, die Unterstützung nachhaltiger Abfallentsorgung oder Verkehrsentwicklung. Emittenten waren anfangs vor allem staatliche Förderbanken und Institutionen wie die Weltbank, inzwischen sind es auch viele Kommunen und private Unternehmen wie der französische Versorger EdF. Ein Problem des noch jungen Marktes ist der fehlende Schutz des Labels »Green Bond«. Grün wird noch zu verschieden definiert. Ein Investor muss daher bei jeder Anleihe selbst entscheiden, ob sie dem eigenen Anspruch genügt.

Jürgen Schneider, Umweltbundesamt Wien: »Wir halten Divestment für den richtigen Weg. Gemäß dem Pariser Abkommen kann künftig nur ein Drittel der fossilen Energiereserven genutzt werden.« Auch Lukas Stühlinger sieht in Divestment einen wichtigen Trend. »Es braucht Fair Finance.« Zurück auf den vergleichsweise kleinen österreichischen Markt und zu Windkraft Simonsfeld und Winfried Dimmel: »Divestment ist eine Chance für Unternehmen, die nachhaltig und groß investieren möchten.«

Letzte Änderung amMontag, 27 März 2017 20:27
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