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Apr
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Sparen oder Schulden machen?

Geschrieben von Klaus G. Singer
Klaus G. Singer
Klaus Singer (Jg 1947) arbeitet seit 1997 als unabhängiger Industrieberater und
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in Singers Finanz-Blog

Und plötzlich wird in der Eurozone entdeckt, dass Sparsamkeit nicht alles ist. Nachdem sich Merkel mit ihrem Spardiktat zunächst durchsetzen konnte, wachsen die Widerstände dagegen immer weiter.

Jetzt hat EZB-Chef Draghi vor dem europäischen Parlament nach dem Fiskal- einen Wachstumspakt gefordert. Das zweite sei die Ergänzung des ersten, sagte er. Wie das zusammen passen soll, bleibt einstweilen sein Geheimnis – entweder wird gespart oder Geld ausgegeben. EZB-Ratsmitglied Asmussen deutet an, wie der Widerspruch aufgelöst werden könnte: Durch Umleitung von EU-Regional-Fonds in notleidende Mitgliedsländer, um dort Arbeitsplätze zu schaffen oder durch Reformen gemäß der deutschen „Agenda 2010“. Also finanzieren die Eurozonen-Nord-Länder letzten Endes einen solchen „Wachstumspakt“ durch (schuldenfinanzierte?) Einzahlungen in die Brüsseler Transfer-Kasse.

Der Fiskalpakt wurde von Merkel durchgesetzt, um zu erreichen, dass die Angleichung innerhalb der Eurozone durch Deflation in den PIIGS geschieht und nicht durch Inflation z.B. in Deutschland. Dies ist im direkten Interesse der deutschen Exportindustrie, die auf den Weltmärkten keine Marktanteile verlieren will – besonders wichtig angesichts einer konjunkturellen Bremsung in China und einer zu erwartenden Abwertung des Yuan.

Die PIIGS allerdings deflationieren nicht – Ausnahme Irland (siehe auch hier!). Warum auch? Sie haben doch Target2. Das EZB-Verrechnungssystem ist mit seinen unbegrenzten und unkündbaren Krediten bei gegenwärtig 1% Verzinsung unschlagbar günstig – viel günstiger als es Eurobonds wären. Mittlerweile hat jeder deutsche Erwerbstätige über Target2 15.000 Euro an Forderungen gegen die PIIGS.

Der Fiskalpakt wird über kurz oder lang platt gemacht. Der mögliche Regierungswechsel in Frankreich und das Scheitern der niederländischen Regierung sind deutliche Zeichen. Die fruchtlosen Sparanstrengungen in Spanien weisen darauf ebenso hin, trotz Milliardensummen an zusätzlichem staatlichen Sparen steigen die staatlichen Schuldzinsen deutlich an. Die „Märkte“ trauen dieser Politik nicht.

In Spanien ist als Besonderheit zu berücksichtigen, dass vom Verschuldungsgrad her bis Mitte 2011 keine Rede von einer Staatsschuldenkrise sein konnte. Beherrschendes Element war und ist hier eine Bankenkrise, ausgelöst durch eine gewaltige Immobilienblase – mit aufgeblasen durch deutsche Banken, die daran zeitweilig glänzend verdient haben. Jetzt, nach verschärftem Sparprogramm, kann man auch hier von einer Staatsschuldenkrise sprechen – Merkels Fiskalpakt, er lebe hoch!

Dass Spanien mit diesem Kurs bald bei EFSF/ESM landet, wird jetzt auch in Brüssel klar. Schon soll eine Arbeitsgruppe der Euro-Länder in den kommenden beiden Wochen prüfen, wie eine direkte Vergabe von Krediten an Banken abgewickelt werden könnte. Das ist bisher nicht möglich. Grund für die Eile ist die Sorge vor „Ansteckung“. Die spanischen Banken benötigen wegen hoher Verluste im Immobilien-Bereich dringend Finanzhilfen, der spanische Staat muss (will?) sparen. Ohne zusätzliche Mittel für die Banken droht eine Kreditklemme, die der Wirtschaft den Rest geben könnte.

„Wachstum ist das beste Mittel gegen Überschuldung.“ Das ist das Credo der meisten Volkswirte.

In diesem Sinne sagte Pierre Briançon bei „Reuters Breakingviews“ vor einigen Tagen: Die Eurozone werde nicht wachsen, wenn ihre wirtschaftspolitische Linie darin besteht, bei der medizinischen Versorgung zu sparen, Lehrer zu feuern, öffentliche Investitionen zu kürzen, Reallöhne zu drücken und dabei alles bis zum Horizont zu besteuern – nur zu dem Zweck, die Brüsseler Zielvorgaben zu erreichen.

Und John Plender warnt in der FT vor einem Teufelskreis: Wenn die wirtschaftlichen Bedingungen in der Eurozone aus dem Ruder laufen, drückt das die Gewinne der Banken und verschlechtert deren Asset-Qualität, wodurch im Gegenzug höhere Risiko-Vorsorge getrieben werden muss. Damit wird das Bank-Kapital erodiert, was weiteres Deleveraging erfordert. Das kann dazu führen, dass gleichzeitige Asset-(Not-)Verkäufe eine Abwärtsspirale von deren Preisen auslöst. Das kann dann auch zu Refinanzierungsproblemen führen, wenn der Interbanken-Kreditmarkt wieder einfriert.

Larry Summers and Brad Delong haben kürzlich in einer längeren Untersuchung belegt, dass Sparen unter Bedingungen einer Liquiditätsfalle eine grottenschlechte Idee ist. Im besten Falle bringt es nichts, um die langfristige Schuldensituation zu verbessern. Aber selbst dann entstehen kurzfristig Kosten, denen kein Nutzen gegenübersteht.

Die Argumente sind alle wohl bekannt. Genauso ist mittlerweile allerdings bekannt, dass jenseits einer Schuldenquote von 70 bis 90%, zusätzliche Staatsausgaben kaum noch stimulierende Wirkung haben. (Die kritische Zone der Schuldenquote gilt übrigens gleichermaßen für den staatlichen wie privaten Sektor). Die Erzeugung von Wachstum ist keine einfache Funktion der Art: „Wenn man viel rein steckt, kommt viel raus.“ (Anmerkung: Einen Überblick über die Verschuldungsquoten zahlreicher Staaten finden Sie hier!)

Einen Beleg dafür liefert Krugman (siehe Chart!): Länder, die in den beiden unteren Quadranten notiert sind, erreichen mit zusätzlichen Staatsausgaben keinen stimulierenden Effekt auf das BIP. Es wundert auch nicht, dass hier PIIGS zu finden sind. Die besonders schweren Fälle sparen, während das Wachstum gleichzeitig überproportional zurückgeht.

Einige Gründe für die entgleisende Situation bei zu hoher Verschuldung: Die Kosten der Staatsverschuldung zur Finanzierung von wirtschaftlichen Anreizen steigen mit dem Verschuldungsgrad überproportional an, der Netto-Effekt solcher Anreize wird immer geringer. Zudem wandert mit zunehmendem Verschuldungsgrad entweder ein immer größerer Anteil privatwirtschaftlicher Erträge in den Schuldendienst oder der private Sektor fragt wegen unsicherer Aussichten zunehmend weniger Kredit zum Ausbau der wirtschaftlichen Aktivitäten nach.

Dennoch wird Krugman nicht müde, gegen Sparen („Austerity“) zu Felde zu ziehen. Kürzlich hat er einen Anhaltspunkt dafür gegeben, welche Wirkung es in der Eurozone im Durchschnitt hat, wenn ein Euro gespart wird: Das Defizit reduziert sich lediglich um 40 Cent, das BIP hingegen um rund 1,25 Euro (siehe Chart!).

Dass sich Krugman auch gegen US-amerikanische „Sparsamkeit“ wendet, wird hier deutlich (siehe Chart!).

Befänden wir uns lediglich in einem zyklischen Abschwung, wäre die Sache einfach. Der Staat sorgt durch zusätzliche Ausgaben auf Pump für eine Belebung der Wirtschaftslage, in Zeiten wieder sprudelndem Steueraufkommens werden die Schulden zurückgezahlt. Das entspricht auch dem eigentlichen Wesen von Schulden – sie sind ein Vorgriff auf spätere (höhere) Einnahmen.

Ist die Kontraktion aber struktureller Natur, wirken die Mittel aus der zyklischen Werkzeugkiste nicht.

Die aktuelle Krise ist struktureller Natur. Das fing vor vielen Jahren langsam an mit der Auslagerung ganzer Produktionszweige aus Europa, USA und anderen entwickelten Industrieländern in Billig-Lohn-Länder (äh, Emerging Markets). Damit sinkt in der „ersten Welt“ die auf Arbeitseinkommen basierende Nachfrage. Das Reallohnniveau stagniert oder sinkt sogar, hält jedenfalls nicht mit dem Produktivitätsfortschritt mit. Lediglich die Tatsache, dass die Produktion in der „dritten Welt“ so billig ist (war), erlaubte es, den Lebensstandard noch einigermaßen zu halten. Steigende Rohstoffpreise und steigender Wohlstand in den Produzentenländern führen aber zu steigenden Preisen, der Lebensstandard in der „ersten Welt“ sinkt. Wenn alles so bleibt wie es ist, sinkt hier langfristig auch die Wirtschaftsleistung.

Schulden sind dann nicht geeignet, das Problem zu lösen, denn es werden immer mehr erforderlich. So lange die Finanzindustrie hieran problemlos verdient, läuft das Spiel noch weiter. Aber diesen Punkt haben wir im Herbst 2008 überschritten. Schulden lassen sich in einer solchen Situation nicht mit Schulden bekämpfen. Natürlich kann der Punkt, an dem es kracht, immer noch ein Stück hinausgeschoben werden, z.B. indem die Notenbanken ein Stück weit die Rolle des Staates übernehmen und Anreize finanzieren – wie z.B. die EZB über ihre LTROs. Das hat aber den Nachteil aller liquiditätspolitischen Maßnahmen der Notenbanken, dass sie sehr indirekt wirken, nicht zielgerichtet eingesetzt werden können, kaum steuerbar sind. Dementsprechend hoch müssen die bewegten Summen sein.

Rigides staatliches Sparen alleine bewirkt ebenfalls keine Verbesserung. In einer strukturellen Krise zieht das Argument nicht, ein schlanker Schuldner sei ein besserer Schuldner. Denn es geht im Grunde gar nicht um die Höhe der Schulden, sondern um die Bonität, besser gesagt das Vertrauen in die Fähigkeit eines Schuldner/Staates, die Situation in den Griff zu bekommen.

Den Finanzmärkten ist ein hoher Verschuldungsgrad recht. Daran lässt sich gut verdienen, so lange die Rückzahlung nicht gefährdet ist. Ob die „Märkte“ jemals an Merkels Fiskalpakt geglaubt haben, ist schwer zu sagen, insbesondere weil die EZB fast zeitgleich ihre LTROs angeworfen hat. Die zeitweilige Outperformance des DAX lässt vermuten, dass damit die Verzögerung bei der Eurozonen-Angleichung durch deutsche Inflationierung eingepreist wurde. Jetzt jedenfalls beginnen die „Märkte“ am Sparpakt zu zweifeln und „honorieren“ z.B. Spaniens Sparwillen mit steigenden Zinsforderungen.

Das Thema “Wachstum oder Sparen” kocht aktuell auch deswegen wieder hoch, weil seit vielen Wochen US-Makrodaten Schwäche zeigen. Die „Erstanträge“ in den USA steuern jetzt wieder auf die magische Grenze von 400.000 zu, für März wurde der Auftragseingang für langlebige Wirtschaftsgüter mit minus 4,2% gemeldet – der stärkste Fall in drei Jahren. In Europa zieht in immer mehr Ländern eine Rezession auf. Und China meldet stärker als erwartete Bremsung im ersten Quartal. Das kommt gar nicht gut, wird doch Wachstum als Allheilmittel gegen die Folgen eines hohen Verschuldungsgrads gesehen.

Sparen oder Anreize, sprich Schulden? Die Diskussion hierüber ist so lange fruchtlos, so lange man nicht an die Wurzeln des strukturellen Übels geht – siehe oben. Natürlich kann man mit “Medikamenten” aus der zyklischen Werkzeugkiste Heilung versuchen. Aber man wird davon eine enorme Überdosierung brauchen, damit sie überhaupt ein wenig wirken. (Das Codewort der Volkswirte hierzu heißt “Liquiditätsfalle”.) Dementsprechend groß sind dann die Nebenwirkungen. Und genau das passiert auch.


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IWF-Finanzstabilitätsbericht: Düster

Geschrieben von Klaus G. Singer
Klaus G. Singer
Klaus Singer (Jg 1947) arbeitet seit 1997 als unabhängiger Industrieberater und
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Der IWF hat am gestrigen Mittwoch seinen Finanzstabilitätsbericht (Global Financial Stability Report) vorgelegt. Er geht davon aus, dass europäische Banken bis Ende 2013 ihre Bilanzen stark verkürzen werden. Der IWF stützt sich dabei auf drei Szenarien zur Entwicklung des Bankensektors, die u.a. Angaben der Banken selbst basieren. Diese hatten angekündigt, ihre Bilanzen mittelfristig um Aktiva im Umfang von rund 2 Bio. Dollar zu kürzen.

  • Das „Reformszenario“ des IWF besteht aus einer gut abgestimmten Fiskalkonsolidierung, die durch eine expansive Geldpolitik und wachstumsfreundliche Strukturreformen, durch Fortschritte bei der Bankenrestrukturierung und eine robuste „Firewall“ unterstützt wird. Der Abbau von Aktiva würde in diesem Szenario 2,2 Bill. Dollar (6% der Bilanzsumme) betragen. Mit diesem Szenario würde sich der Druck auf die Eurozone insgesamt nach und nach auflösen.
  • Im Szenario „Status quo“ ohne vorausschauende und weitreichende wirtschaftspolitische Reformen („weiter wie bisher“), fällt der Verschuldungsgrad (Bilanzsumme durch Tier1-Kernkapital) der rund 60 untersuchten europäischen Grossbanken von 29 auf 23. Das käme hauptsächlich durch einbehaltene Gewinne und Kapitalerhöhungen zustande, sowie durch Abbau von Aktiva in Höhe von insgesamt 2,6 Bill. Dollar. Die Summe entspricht 7% der aggregierten Bilanzsumme. In diesem Szenario bleibt der Druck auf die Eurozone konstant hoch.
  • Das Negativszenario besteht in einer Kombination aus dem „Status quo“-Szenario (keine Politikänderung) und einem anhaltend negativen zyklischen Umfeld. Hier würden Aktiva im Umfang von 3,8 Bill. Dollar (10% der Bilanzsumme) abgestoßen. In diesem Szenario steigt der Druck auf die Eurozone weiter an.

Der Abbau der Aktiva in den IWF-Szenarien wird zu etwa einem Viertel durch Rückgang der Kreditvergabe dargestellt. Dadurch dürfte das Kreditangebot in der Eurozone bis Ende 2013 um 1,7% schrumpfen. Zudem werden Banken Tochtergesellschaften und Nicht-Kerngeschäfte wie Versicherungs- oder Vermögensverwaltungsgeschäfte für institutionelle Anleger abstoßen und auch ihre Wertpapier-Bestände zurückfahren.

Der Prozess der IWF-Szenarien ist schon eingeleitet: Die untersuchten Banken haben im vierten Quartal 2011 bereits Assets im Umfang von 580 Mrd. Dollar verkauft.

Die Gesundschrumpfung der Banken mit dem Ziel, die Bankenlandschaft robuster aufzustellen, ist laut IWF dringend erforderlich. Eine hohe Schuldenhebelung („leverage“) werde zudem weder von den Märkten noch den Regulierern weiter unterstützt, heißt es. Das Risiko besteht jedoch darin, dass die gleichzeitige Bilanzverkürzung bei vielen Banken Volkswirtschaft und Finanzsystem stark belastet.

IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard sagte auf einer Pressekonferenz, für die Banken-Rekapitalisierung in der Eurozone sollte der EFSF/ESM genutzt werden, auch um die “verderbliche Verbindung zwischen Staaten und Banken“ aufzubrechen.

Dazu passt die Meldung der portugiesischen Zeitung Jornal de Negocios (via Eurointelligence): Das Geld, das der portugiesische Staat in die Rekapitalisierung der beiden Banken BCP und BPI steckt, damit diese den per Ende Juni wirksamen neuen Kapitalvorschriften in der Eurozone entsprechen, wird hauptsächlich in portugiesische Bonds investiert. Die Ressourcen stehen daher nicht zur Verfügung, um Kredite in der Realwirtschaft auszuweiten.

Von Portugal nach Italien: JP Morgan hat (nach FT Alphaville) die Schuldensituation hier analysiert. Während „Erlöser“ Monti die Defizit-Projektion für 2012 von 1,6 auf 1,7% anhebt (2013: von 0,1 auf 0,5%), kommt JP Morgan nach Sicht der Rohdaten für Januar bis März zu dem Schluss, dass das Defizit auf dem Weg zum Doppelten ist – 60 Mrd. Euro statt der projektierten 26 Mrd. Euro. Der Verfasser der Studie schreibt, die Rohdaten der italienischen Regierung für die ersten Monate im Jahr hätten zumindest für die zurückliegenden drei Jahre eine recht zuverlässige, wenn auch grobe Indikation für das Gesamtjahr gebracht.

Von Italien nach Spanien: Im Februar waren Darlehen in Höhe von 143 Mrd. Euro faul. Das entspricht 8,16% des gesamten Kreditportfolios der spanischen Banken und ist der höchste Wert seit 1994. 2007, vor der Finanzkrise, hatte die Quote noch bei unter einem Prozent gelegen. Im Jahresvergleich legte das Volumen der faulen Kredite um gewaltige 110% zu. Als faul gelten Kredite, wenn sie seit mindestens drei Monaten nicht weiter getilgt worden sind.

Der IWF betrachtet den spanischen Bankensektor mit Argwohn. Die Bundesregierung betont jedoch, die Spanier seien engagiert dabei, ihre Probleme zu lösen, die Reformen der Regierung in Madrid verdienten Hochachtung… (hat da jemand was von “Selbstgefälligkeit” gesagt?).

Jeden Tag neue Hinweise darauf, dass die Defizit-Planungen der Eurozone insbesondere in den PIIGS völlig ohne realen Bezug sind – von den 3% Defizitzielen für 2013 ganz zu schweigen.

Da wundert es nicht gerade, dass der IWF mitteilt, er habe jetzt 320 Mrd. Dollar in der Kriegskasse für die Eurozone. Davon stammen 200 Mrd. Dollar aus der Eurozone selbst, lediglich 120 Mrd. Dollar kommen von außerhalb. Zu Jahresbeginn hatte es noch geheißen, es würden 500 bis 600 Mrd. Dollar benötigt.

Wenn Sie mich fragen, was das wahrscheinlichste Szenario des IWF ist: Selbstgefälligkeit (“Complacency”) als Grundzug der Polit-Bürokratie in Brüssel lässt das “Reformszenario” von vorneherein ausscheiden. “Status quo” ist ebenfalls weniger wahrscheinlich, weil kaum damit zu rechnen ist, dass die Weltwirtschaft in absehbarer Zeit zu nachhaltigen Wachstumsraten klar jenseits von drei Prozent zurückfindet.

Hierzu auch eine Wortmeldung von George Soros in Le Monde: Die Politik der Eurozone führt ins Desaster. Falls der Euro überlebt, wird es eine verlorene Dekade geben. Wenn sein Quantum-Fonds wetten müsste, würde er gegen den Euro wetten.

Im Finanzstabilitätsbericht des IWF findet sich auch instruktiver Chart, der die Verkopplungen der europäischen und US-Banken aufzeigt und die Wege gegenseitiger Ansteckung:

Eine negative Rückkopplung könnte aktuell z.B. starten mit sinkenden Kursen (steigenden Renditen) für Staatsanleihen der PIIGS – Startpunkt „A“. Europäische Banken erzielen Buchverluste auf ihre Bestände, die Verschlechterung ihrer Bilanzsstruktur erhöht das Pleiterisiko. Die Kosten für die Beschaffung frischen Kapitals steigen („F“). Wenn eine europäische Bank einen Derivate-Kontrakt mit einer US-Bank eingegangen ist, ist sie gezwungen, Sicherheiten nachzuschieben („E“). Wegen der aus der mangelnden Transparenz der Derivatemärkte herrührenden Unsicherheit über die tatsächliche Ausrichtung der US-Banken auf Europa, könnten US-Banken mit höheren (überhöhten) Kapitalkosten und steigenden CDS konfrontiert werden („H“). US-Banken könnten ihre Ausrichtung auf die Eurozone durch Übertragung von Derivate-Kontrakten auf Dritte gegen zusätzliche Gebühren („Novation“ – „E“). Das kann dazu führen, dass das Risiko in weniger Händen konzentriert ist, womit das Systemrisiko im Derivate-Markt steigt. US-Banken könnten stattdessen auch das Risiko hedgen mittels CDS oder Put-Optionen („G“).

Wie das zweite Halbjahr 2011 zeigte, ist das Potenzial solcher Rückkopplungen auf US-Banken real – zu sehen daran, dass die Default-Absicherungen von US-Broker/Dealern im September 2011 teurer wurden als von europäischen Banken (siehe IWF-Chart 2.4.2). Auch die Entscheidung der Zentralbanken von Ende November, unbegrenzt Dollar bereit zu stellen, ist ein Zeichen der Risiken solcher Verkopplungen.




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LTRO – die nächste Blase kommt

Geschrieben von Klaus G. Singer
Klaus G. Singer
Klaus Singer (Jg 1947) arbeitet seit 1997 als unabhängiger Industrieberater und
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Beim zweiten LTRO haben 800 Banken und Unternehmen mit Banklizenz am vergangenen Mittwoch um fast 530 Mrd. Euro an EZB-Krediten angestanden. Dieser und der LTRO vor Weihnachten haben netto zusammen mehr als 500 Mrd. Euro in das europäische Bankensystem gepumpt. Italienische Geldhäuser sollen sich beim jüngsten LTRO mit 139 Mrd. Euro vollgesogen haben, auch spanische Banken waren ganz vorne dabei.

Wohin mit dem „Segen“?

Zuerst landete ein Großteil der Mittel just wieder da, von wo sie kamen – als Übernacht-Einlage bei der EZB. Mit 777 Mrd. Euro wurde ein neuer Rekordwert erzielt. Die Hortung ist aber trotz der lächerlichen Sollzinsen von einem Prozent ein mieses Geschäft, denn als Habenzins zahlt die EZB nur 0,25%.

Was also wird mit den Mitteln geschehen? Europäische Banken haben im ersten Quartal einen Refinanzierungsbedarf von 220 Mrd. Euro. Gleichzeitig müssen sie ihre Kapitalausstattung bis Ende Juni verbessern, was nochmals mit rund 115 Mrd. Euro zu Buche schlägt. Von Politik und EZB ist gewünscht und beabsichtigt, dass Banken Staatsanleihen der PIIGS kaufen.

Diesem Begehr kommen sie gerne nach. Banken aus Italien und Spanien kauften im Januar hier für 44 Mrd. Euro ein. Ein gutes Geschäft bei diesem Carry Trade der besonderen Art – zehnjährige Bonds aus Italien und Spanien rentieren momentan bei 5%. Außerdem kann man die Papiere bei der EZB gegen weitere Kredit-Mittel verpfänden… (und so fort)

Auch wenn der Libor-Zins als Zinsbarometer für den Interbanken-Geldmarkt seit Jahresanfang deutlich gesunken ist und damit eine gewisse Entspannung anzeigt, signalisiert die steigende Tendenz der Übernacht-Einlagen, dass die Lage im Bankensektor weiterhin alles andere als normal ist. Vor der Krise 2008 gab es keine nennenswerten Übernacht-Positionen. Der Transmissionsmechanismus im Bankenkanal, der dafür sorgt, dass geldpolitische Maßnahmen letzten Endes in der Realwirtschaft ankommen, funktioniert gegenwärtig nicht. Zwar kam es Ende 2011 nicht zu einer befürchteten Kreditklemme, aber das Kreditgeschäft mit dem privaten Sektor verläuft flach. Kredite an Nicht-Finanz-Unternehmen und Haushalte stiegen im Januar im Jahresvergleich lediglich um 0,7% nach plus 1,1% im Dezember.

Die Summe aller ausstehenden Euro-Geschäfte der Banken liegt jetzt bei 1175 Mrd. Euro. Gut ein Zehntel wird davon in diesem Jahr fällig, der Rest Anfang 2015. Da die EZB derzeit dem Markt kontinuierlich 220 Mrd. Euro entzieht, indem sie sich diese Summe von den Banken zurückleiht, betragen die Schulden der Banken bei der EZB gegenwärtig rund 950 Mrd.

Wie soll es gehen, dass die Banken bis 2015 so viel verdient haben, dass sie ohne weitere LTROs auskommen? Es gibt zwei theoretische Möglichkeiten – erstens, die Wirtschaft startet aus dem Stand zu einer Boom-Phase oder zweitens, die Finanzmärkte legen eine atemberaubende Performance hin. Das eine hat mit dem anderen nicht unbedingt viel zu tun. Insbesondere dann nicht, wenn das Bankensystem über so viel Überschuss-Liquidität verfügt wie derzeit, wie der Chart für die EZB zeigt.

Zerohedge fragt angesichts der in den zurückliegenden vier Jahren verdoppelten zusammengefassten weltweiten Notenbank-Bilanzsumme, ob der Dow dann in fünf Jahren vielleicht bei 52.000 steht.

52.000 im Dow – diese Möglichkeit erscheint mir immer noch wahrscheinlicher als dass uns die Wirtschaft aus der Krise boomt.

Die LTROs lösen kein einziges der zugrundeliegenden Probleme. Sie kaufen Zeit, ja. Aber wird sie genutzt? Eher nein. Denn Zeit hatten Politik und Banken in der Vergangenheit genug, genutzt wurde sie nicht.

Ich würde es sogar anders herum sehen: Die Liquiditätsflut entspannt die Lage kurzfristig, woraufhin sich alle zufrieden zurücklehnen und so weitermachen wie bisher – die Staaten verschieben ihre Reformaufgaben, und die Banken verdienen daran. Bis die nächste Blase platzt.

Ordnungspolitisch sind die LTROs so verheerend wie die Art der Bankenrettung nach 2008. Sie fördern keinen Bereinigungsprozess, sondern festigen die Position der Großbanken – eine Neuauflage von “too bis to fail”. Nachdem sich die Politik nach 2008 hat erpressen lassen, haben sich jetzt die Zentralbanken in dieselbe Position begeben. Indem sie direkt oder indirekt ihre Bilanzen mit “Assets” vollladen, werden sie von den Finanzmärkten abhängig und damit in höchstem Maße erpressbar. Den Banken ist es recht – von den Staaten ist sowieso nichts mehr zu holen.

Quelle: http://www.timepatternanalysis.de/Blog/2012/03/02/ltro-die-nachste-blase-kommt/


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IWF-Wirtschaftsausblick: Hohe Risiken

Geschrieben von Klaus G. Singer
Klaus G. Singer
Klaus Singer (Jg 1947) arbeitet seit 1997 als unabhängiger Industrieberater und
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Der aktuelle Ausblick des IWF (“World Economic Outlook (Update)“) sieht die Weltwirtschaft in einer gefährlichen neuen Phase. Die strukturellen Probleme seien ungelöst, das Vertrauen sei deutlich gesunken, die Risiken nehmen zu, heißt es dort. Weiter ist von einer Reihe externer Schocks die Rede, die das Weltwirtschaftssystem erschüttern können.

Das geschilderte Szenario sei noch relativ optimistisch, sagt der IWF. So sei bereits einkalkuliert, dass es auf der politischen Ebene der Eurozone deutliche Fortschritte in Sachen Lösung der Schuldenkrise gibt. (Welche?)

In den USA hat es die private Wirtschaft laut IWF nicht geschafft, die staatlichen Anreizprogramme in einen selbsttragenden Aufschwung umzusetzen. In Europa gehe die Schuldenkrise weiter. Die Strukturprobleme in den Industrieländern seien hartnäckiger als bisher gedacht (oder gehofft – siehe hierzu auch “Wege aus der Schuldenkrise“).

Der Weltwirtschaft steht laut IWF in 2012 eine deutliche Abkühlung bevor, sie werde nicht um vier Prozent wachsen, wie im September vorhergesagt, sondern nur um 3,3%. Der Eurozone droht mit minus 0,5% Zuwachs eine Rezession, Deutschland ist für ein kleines Wachstums-Plus gut. Bei Spanien und Italien wurden die Wachstumsaussichten gegenüber der letzen Vorhersage am deutlichsten nach unten korrigiert. Hier liegt auch das größte Belastungspotenzial. Davon werden auch die Schwellen- und Entwicklungsländer betroffen, sie müssen mit einem schwächeren Wachstum von 5,4% rechnen.

Für Spanien sagt der IWF in einer separaten Mitteilung voraus, dass das Land seine Defizit-Ziele verfehlen wird. Das Budget-Defizit wird für 2011 wahrscheinlich 8% betragen, 6,8% in 2012 und 6,3% in 2013 (vorherige Prognose: 3%). Das Land sollte auch noch nicht einmal versuchen, die alten Defizitziele zu erreichen, das brächte nur zusätzliche Instabilität. Laut IWF falle Spanien in eine zwei Jahre anhaltende Rezession.

Der IWF sieht die Lage damit immer noch positiver als die Weltbank, die in ihren Wirtschaftsausblick für 2012 ein Wachstum der Weltwirtschaft von nur noch 2,5% sieht. (Das liegt nach allgemeinem Verständnis schon nahe bei einem rezessiven Szenario – Rezession hier typisch unter 2,5%).

Beide sind sich aber einig: Die schlechte Verfassung der Eurozone ist hauptsächlich verantwortlich für die globale Wirtschaftsschwäche.

Die Ratschläge des IWF an die Eurozone: Wachstum fördern, zugleich Staatsfinanzen in Ordnung bringen. Außerdem sei wichtig, die Mittel der Euro-Rettungsschirme ausreichend zu dimensionieren. ESM und EFSF sollten aufgestockt werden.

Die EZB soll nach den Vorstellungen des IWF die geldpolitischen Zügel weiterhin schleifen, äh, locker lassen, da noch mehr Liquidität benötigt wird. Zudem soll sie nach wie vor Staatsanleihen von Krisenstaaten wie Italien oder Spanien kaufen, und das „voll engagiert“. Die Banken der Eurozone sollten weitere Kapitalspritzen erhalten -auch aus öffentlichen Quellen– und beim Schuldenabbau nicht “übermäßig schnell” vorgehen, ansonsten droht eine “verheerende Kreditklemme”.

Laut IWF sei jetzt internationale Abstimmung dringend erforderlich. Nicht jedes Land könne die Krise auf die gleiche Weise bekämpfen, die Maßnahmen in den einzelnen Ländern müssten sich ergänzen. So sollten z.B. die Länder der Eurozone mit niedrigen Zinsen und finanziellem Spielraum bei der Haushaltskonsolidierung eher langsamer voranschreiten und stattdessen konjunkturpolitisch „aufdrehen“. Wenn das keine Anspielung auf Deutschland ist, die europäische Konjunkturkarre aus dem Dreck zu ziehen…

Der IWF warnt alle Länder davor, das Sparen zu übertreiben, weil es das Wirtschaftswachstum zu stark bremst. Das geht auch an die Adresse von Schwellenländern wie China und Brasilien, die wenn nötig die Konjunktur stützen sollten.

Der Absturz der Weltwirtschaft in die Rezession kann nur verhindert werden, so der Tenor des IWF, wenn Wachstumsförderung und finanzielle Konsolidierung ausbalanciert würden.

Das Wichtigste zum Schluss: Der beim IWF für Fiskalpolitik zuständige Carlo Cottarelli, vormals Bank of Italy, hat Pressemeldungen zufolge entdeckt, dass die Märkte nicht nur auf ausgeglichene Haushalte schauen.

Ich wage zu behaupten, ausgeglichene Haushalte gehören aus Sichte der „Märkte“ eher zu den uninteressanteren Aspekten. Hauptsache, man kann an Schuldscheinen gut verdienen und findet immer jemanden, der sie einem wieder abkauft – und zwar teurer als man sie selbst gekauft hat. (Und zur Not an eine Zentralbank).

Lassen wir das – nachfolgend zwei Charts aus einer Präsentation von Cottarelli. Der erste zeigt den Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und Defizit, der zweite den Zusammenhang zwischen staatlichem Anreiz und Auswirkung auf die BIP-Entwicklung (wenn Sie so wollen, eine Art Keynessscher Multiplikator).


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MF-Global-Kollaps legt Systemrisiken offen

Geschrieben von Klaus G. Singer
Klaus G. Singer
Klaus Singer (Jg 1947) arbeitet seit 1997 als unabhängiger Industrieberater und
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Barry Ritholtz, US-Blogger (The Big Picture), hat sich mit der Pleite von MF Global beschäftigt. Das Rohstoff-Brokerhaus hatte am 31. Oktober Bankrott angemeldet, wahrscheinlich weil es bei einer Spekulation um europäische Staatsanleihen mit sechs Mrd. Dollar baden gegangen ist. Jetzt kommen immer mehr Details ans Lichts.

So stellte sich heraus, dass das Brokerhaus Klienten-Geld im Volumen von wahrscheinlich über einer Mrd. Dollar für eigene Spekulationen verwendet hat. Das sei wahrscheinlich technisch legal, schreibt Ritholtz, auch wenn es gegen den Geist von gesetzlichen Vorschriften verstößt. Durch „effektive“ Lobby-Arbeit sind wichtige Regeln „wegreguliert“ worden, die das hätten verhindern können.


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