Kassandra unterwegs

Ein Contrarian schwimmt gegen den Strom, folgt nicht dem Zug der Lemminge. David A. Stockman beschreibt sich selbst so und liefert eine brillante Analyse, wie es zu Trumps Amerika kommen konnte: eine Tragödie mit vorhersehbarem Ausgang.

Zu Zeiten Ronald Reagans war der blutjunge David A. Stockman Budgetchef und hat erste Reihe fußfrei mitbekommen, wie die Konservativen ihre Liebe zu Schulden entdeckt haben. Unter dem heute in den Heiligenstatus erhobenen Reagan explodierten die Schulden, und Stockman zog sich zurück. Seither gefällt er sich in der Rolle der Kassandra – oder des »Contrarian«.

Reagans Misere war ein Mailüfterl im Vergleich zu dem, was sich jetzt ereignet. Das schreibt Stockman in seinem jüngsten Buch: »Trumped!« Untertitel frei übersetzt: »Eine Nation am Rande des Ruins ... und wie sie ein Comeback feiern kann«. Für Stockman ist Trump die Rache des kleinen Mannes an Wall Street und Washingtoner Eliten, sein Wahlsieg das Ergebnis einer völlig fehlgeleiteten Geldpolitik, an deren Anfang Alan Greenspan, der frühere Chef der Notenbank FED, stand. Als er 1987 antrat, betrug der gesamte Schuldenstand der privaten Haushalte und der öffentlichen Hand 11 Billiarden US-Dollar. Heute liegt er bei 53 Billiarden. Dazwischen lag die Ära des billigen Geldes, in der Konsum auf Pump Arbeitsplätze und Wohlstand schaffen sollte. Das Vehikel trug den technokratischen Titel MEW für »Mortgage Equity Withdrawal«. Mit anderen Worten: Das Eigenheim wurde zur permanent sprudelnden Geldquelle, höhere Kreditlinien ersetzten höhere Einkommen, und alle taten so, als wäre das dritte Auto, der nächste Urlaub im Fünf-Sterne-Resort und der kinoleinwandgroße Flatscreen verdient und nicht geborgt.

2008 krachte das Fantasiegebilde, und seither spüren Amerikaner, was sinkende Realeinkommen sind. 126 Millionen US-Bürger befinden sich heute im besten Arbeitsalter zwischen 25 und 54 Jahren. Nur 77,1 Millionen davon sind Vollzeitbeschäftigte. Die Gehälter sinken, die staatlichen Transferzahlungen steigen aber dramatisch. »Wenn die Transferzahlungen fast so hoch sind wie die Erwerbseinkommen, hat man ein System am Rande des Abgrunds«, sagt Stockman.

»Das Sozialversicherungssystem ist bankrott, die 1,5 Billiarden Dollar schwere Studentenkreditblase platzt«, sagt Stockman. Die Tage, an denen die USA sich in jeden globalen Konflikt einmischen konnte, sind vorbei.

Einer Pleite-Nation fehlen dazu die Mittel. »Das Imperium verdient es, von einem Außenseiter der ignoranten Sorte außer Dienst gestellt zu werden«, schreibt Stockman. Er ist aber nicht so optimistisch, in Trump einen Erneuerer zu sehen. Vielmehr sei er eine »disruptive figure«, einer, der deutlich macht, wie kaputt das System tatsächlich ist. Andere wachen dann vielleicht auf, die wirklich in der Lage sind, dem Land eine neue Richtung zu geben.

»Aber das wird erst möglich sein, wenn dieses Land wirklich am Ende angelangt ist und den Offenbarungseid leisten muss.«

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