Zwischenrufe aus Übersee

Wie ein Europäer den Alltag an der US-amerikanischen Ostküste erlebt.

Narzissten unter sich

Donald Trump ist US-Präsidentschaftskandidat. Er ist ein Narzisst – was die Voraussetzung dafür zu sein scheint, sich in den Kampf um das mächtigste Amt der Welt zu begeben.

Die Auftritte des New Yorker Milliardärs haben eine Reihe von richtigen und vermeintlichen Experten auf dem Gebiet der Psychologie auf den Plan gerufen und fast alle kommen zu dem Befund: Der Mann hat eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Er hält alle anderen für Verlierer, er allein sei ein Gewinner. »Zeigen Sie mir jemanden ohne ein großes Ego, und ich zeige Ihnen einen Verlierer«, erklärt Trump seinen Kritikern und bestätigt damit die Diagnose.

Der Narzisst hat ein grandioses Selbstbild und die feste Überzeugung, einzigartig zu sein, bei einem gleichzeitigen Mangel an Empathie. Da haben wir es. Der Mann will doch glatt Millionen von illegalen Einwanderer wieder abschieben. Selten war der Befund so eindeutig, bleibt die Frage: Warum mögen ihn die Amerikaner trotzdem, wo doch Narzissmus allgemein als eine negative Eigenschaft empfunden wird?

Jerrold M., Post, der Psychologe von der George Washington Universität, schrieb dazu bereits 1993: »Wenn wir alle, die narzisstische Merkmale aufweisen, aus ihren Positionen entfernten, wären die Reihen an der Spitze der Politik und der Industrie ziemlich geleert, weil die Top-Positionen besetzt sind mit erfolgreichen Narzissten.«

Allein bei den Republikanern treten diesmal drei Kandidaten an, die noch keinen Tag ihres Lebens in einer politischen Funktion verbracht haben. Das braucht Mut und eine gehörige Portion Selbstüberschätzung. Neben Donald Trump sind das der Neurochirurg Ben Carson und die ehemalige HP-Chefin Carly Fiorina. Alle drei bewiesen bei den bisherigen Fernsehdebatten, dass sie völlig blank sind, wenn es um Details geht. Trump etwa wetterte gegen das Transpazifische Handelsabkommen, das vor dem Abschluss steht, mit dem Argument, Obama habe schlecht verhandelt und sich wieder einmal von den Chinesen über den Tisch ziehen lassen. Dumm nur, dass die Chinesen gar kein Vertragspartner sind und in Wirklichkeit nichts lieber hätten als ein Scheitern des Vertrages.

Für Ben Carson sind die ägyptischen Pyramiden riesige Getreidespeicher – und das ist noch die harmloseste Ansicht über den Nahen Osten, die er hat.

Carly Fiorina will in Syrien eine Flugverbotszone einrichten. »Wir lassen uns von niemandem vorschreiben, wo wir fliegen dürfen. Wir sind Amerikaner!« Anderen vorzuschreiben, wo sie fliegen dürfen und wo nicht, ist aber völlig okay.

Aber die versammelten Narzissten ficht Ahnungslosigkeit nicht an. Wenn die Wirklichkeit nicht ist, wie sie sie haben wollen, dann muss sich halt die Wirklichkeit anpassen. Und daran arbeiten die Kandidaten hart. Es geht um ihren Platz in der Geschichte. Dabei sollten sie besser auf der Couch eines Psychoanalytikers Platz nehmen, denn: »Eine voll entwickelte narzisstische Persönlichkeitsstörung macht eine nachhaltige, effiziente Führung unmöglich.« (Jerrold M. Post)

Bleibt zu hoffen, dass die Wähler rechtzeitig draufkommen und sich bei den zur Wahl stehenden narzisstischen Persönlichkeitsstörung für eine milde Variante entscheiden. Denn eines ist der nächste Präsident der USA auf jeden Fall: ein Narzisst!

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